Obskure Deals mit dem Netzwerk Osama bin Ladens
Waffenschieber für den Terror

Zuerst wurden slowakische "Traktorlieferungen" an Osama bin Laden entdeckt. Jetzt fanden Ermittler heraus: Von 1998 bis 1999 wurden auch Waffen über die Slowakei an den Sudan geliefert. Bratislava gilt als Drehscheibe für Waffenschieber. Doch vor dem Natobeitritt macht die Regierung Kehraus.

PRAG. Als Brian Johnson-Thomas im Januar 1999 wegen illegaler Waffengeschäfte ermittelte, fiel dem UN-Beauftragten eine Liefer-Rechnung in die Hand, die heute besondere Brisanz birgt: Die Rechnung war unter-schrieben und abgestempelt von einem "Colonel Omar", der eine High-Tech-Einheit im Sudan befehligte. Gegenstand der Rechnung: eine Ladung mit Explosivstoffen. Absender: die Firma Hermes im slowakischen Dubnica.

Die Ladung, so stellt sich später heraus, sollte eigentlich am 13. Dezem-ber 1998 in N'djamena im Tschad, eintreffen. Sie landete aber statt dessen am 14. Dezember 1998 in Khartum, Sudan, in einem Land, das damals unter Waffen-Embargo der USA und der EU stand. Die Ermittlungen von Rüstungskontrolleuren ergaben weiter, dass es zumindest 1998 und 1999 mehrere solche Transporte aus der Slowakei gab - bis eine Maschine Bruchlandung erlitt.

Die Spur führt zu einer slowakischen Firmengruppe, zu der die 1997 ge-gründete Aktiengesellschaft Hermes as, eine gleichnamige 1991 begründete GmbH sowie eine seit 1994 bestehende Firma B-Hermes gehören. Teilhaber der B-Hermes sind auch mehrere Rüstungsfirmen aus Moskau.

Eine zweite Spur führt zu einer slowakischen Chartergesellschaft namens Slovtrans Air, die für den Transport der Rüstungsgüter verant-wortlich zeichnete. Einer der Gesellschafter der Firma ist nach Unterlagen des Handelsregisters Mohamad Ah-mad Saad oder auch Mohamed Sayed genannt. Er war vormals in Beirut gemeldet, heute soll er neben einem Wohnsitz in der Slowakei auch häufig in Syrien sein. Mit Mohamad Atta, der laut FBI ebenfalls den Namen "Mohamad Sayed" als Pseudonym verwendete, soll der Unternehmer nichts zu tun haben.

Slovtrans Air heuerte für den Transport eine in Ghana registrierte Boeing 707 an, die von einer zypriotischen Gesellschaft namens Avistar betrieben wird. Ein komplexes Geschäft, doch Rüstungsexperten zufolge machen Waffenhändler, die in Krisengebiete liefern wollen, derartige Verrenkungen absichtlich, um Spuren zu verwischen und Lizenzlücken zu überspringen.

Nach bisherigen Erkenntnissen verließ die Maschine Bratislava im De-zember 1998 zunächst in Richtung Tschad. Dafür habe auch eine gültige Lizenz bestanden, teilt Anna Palkovicova mit, die Sprecherin des für Rüs-tungsaufsicht zuständigen slowakischen Wirtschaftsministeriums ist. Doch dann drehte das Flugzeug über Afrika ab, so die Ermittlungen, und zwar in Richtung Sudan, einem der Zentren des bin-Laden-Netzwerks. Davon aber habe Bratislava nichts gewusst, so die Sprecherin des Ministeriums.

Der Vorgang ist kein Einzelfall. Branchenkennern zufolge sind die Flughäfen Bratislava in der Slowakei sowie Burgas und Plowdiw in Bulgarien in den vergangenen Jahren Drehscheibe für weltweite Waffengeschäfte mit Krisenregionen und Schurkenstaaten geworden. Die Länder werden dabei als Transitkanal zur Verschleiherung des Waffenursprungs genutzt. Das Zauberwort heißt "Re-Export", das das Umladen oder die Umbenennung von Flugzeug und Ladung erleichtert. Anna Palkovicova zufolge hat auch Hermes eine Lizenz zum Re-Export und dürfe daher auch mit russischen Firmen als Partnern zusammenarbeiten.

Bratislava aber wehrt sich dagegen, als Hochburg der Waffenschieber zu gelten. Die Slowakei will vielmehr mit weißer Weste Nato und EU beitreten. Der slowakische Wirtschaftsminister Lubomir Harach hat nach Berichten über slowakische Lieferungen an das Terrornetz von Osama bin Laden die Überprüfung aller slowakischen Rüstungsexporte seit 1993 angeordnet.

Gegenstand der Ermittlungen sind auch die "Traktor- und Ersatzteillieferungen" der Firma ZTS-Trading an das Firmennetz des Terroristen Osama bin Laden in den Sudan, die das "Handelsblatt" aufgdeckt hatte. Die Lieferugen hatte der bin-Laden-Komplize Wadih El Hage bei seinem Prozess in den USA zugegeben. Die Bezeichnung "schwere Traktoren", so meinen Insider, könnte auch für Panzer gestanden haben, die ebenfalls im slowakischen ZTS-Konzern hergestellt werden. Wirtschaftsminister Haras will dem nachgehen, auch wenn die ZTS-Trading sich inzwischen in Liquidation befindet.

Zwischenergebnis der slowakischen Ermittlungen ist, dass die Slowakei 1995 und 1996 großkalibrige Munition und Anti-Panzer-Raketen an Afghanistan geliefert hat. Minister Harach wollte ferner "nicht ausschließen", dass auch Chemikalien aus der Slowakei über Drittländer nach Afghanistan gelangt sind. Ein interner Bericht des Ministeriums legt einigen Firmen nahe, die Vertragsvorbereitung für Lieferungen von sprengstofffähigen Chemikalien in den Iran sowie nach Libyen, Ägypten, Pakistan und Syrien einzustellen.

Ein noch größere Coup gelang der slowakischen Polizei in Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst: Gemeinsam nahmen sie jüngst, so britische Informationen, in der Slowakei drei Mitglieder der terroristischen "Real IRA" fest. Sie wollten, so die Quelle, Waffen und Sprengstoff für meherere Millionen Pfund auf dem slowakischen Schwarzmarkt erwerben. Dabei gerieten sie jedoch an die Falschen: Die mutmaßlichen Iraker, mit denen sie sich mehrfach seit November 2000 getroffen, entpuppten sich als Undercover-Agenten und spielten sie in die Händer der slowakischen Polizei.

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