Obwohl der Schock tief sitzt, sollten Anleger besonnen reagieren.
Der Terrorangriff auf die USA versetzt Anleger in Angst

Das World Trade Center in Schutt und Asche, ein Massengrab mitten in Manhattan, dem Zentrum der internationalen Finanzwelt. Im Pentagon, dem amerikanischen Verteidigungsministerium, Hunderte von Toten. Es war ein unvorstellbarer Angriff auf die Symbole der größten politischen und wirtschaftlichen Macht, ein Anschlag mit verheerender psychologischer Wirkung.

Es wird von der Reaktion der Amerikaner sowie der ausländischen Investoren abhängen, welche wirtschaftlichen Folgen die Katastrophe hat. Beispiele aus der jüngeren Geschichte, wie der Krieg am Golf oder der Putsch in Moskau, zeigen ein Muster: Die Akteure an den Märkten finden nach einer Phase der Unsicherheit recht schnell wieder zur Normalität zurück. Nach dem ersten Kurseinbruch dauerte es in beiden Fällen rund ein Jahr, bis die Aktienkurse ihr Ausgangsniveau wieder erreichten.

Doch ist der Anschlag auf die USA mit dem Krieg am Golf und dem Putsch in der Sowjetunion vor gut zehn Jahren vergleichbar? Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital in Frankfurt, sagt: "Nach dem Attentat ist nichts mehr wie vorher." Die USA seien erstmals im eigenen Land angegriffen worden. Der Terrorakt habe gezeigt, dass die USA verwundbar seien. Die entscheidende Frage ist nach seiner Ansicht nun, wie sich das Vertrauen der Investoren in die USA entwickelt. Und das könne man wie im Brennglas am Dollarkurs ablesen. Polleit geht davon aus, dass der Dollarkurs in nächster Zeit stark schwankt.

Notenbanken trugen zur Beruhigung bei

Verlässliche Prognosen gibt es zurzeit nicht, zu unüberschaubar sind die Folgen, zu groß die Ungewissheit. Allerdings haben die Notenbanken der USA und der Eurozone schnell reagiert und den Märkten ausreichende Liquidität zugesichert. Dies trug sehr zur Beruhigung nach dem Schock bei. Fachleute sehen darin die Grundbedingung, dass das Finanzsystem nicht außer Kontrolle gerät. Die Sicherungssysteme der Notenbanken und des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank bilden einen Schutzschild, unter dem die Finanzmarktakteure genügend Zeit finden, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Selbst die Aktienmärkte bleiben mit Sicherheit nicht dauerhaft paralysiert. Die Landesbank Baden-Württemberg verwies darauf, "dass die ersten panikartigen Reaktionen der Finanzmärkte auf politische Krisen oft nicht dauerhafter Natur sind". Häufig sei es innerhalb kurzer Zeit zu einer "mindestens partiellen Korrektur der Kursverluste gekommen" - wie sich in dieser Woche schon angedeutet hat. Unter der Annahme, dass durch die erwarteten militärischen Gegenschläge der USA kein weltkriegsähnliches Szenario ausgelöst wird, sollten Anleger mit mittel- bis langfristigem Anlagehorizont keine Panikverkäufe vornehmen.

Amerikaner haben "Wiederaufbaumentalität"

Ähnlich argumentieren die Experten für Behavioural Finance, die sich mit den psychologischen Verhaltensweisen befassen. "Wichtig ist, nicht in Panik zu verfallen. Denn wer in Panik ist, handelt unkontrolliert und verliert die Übersicht", erklärt Joachim Goldberg, Geschäftsführer von Cognitrend, einer auf die Analyse von Anlegerverhalten spezialisierten Gesellschaft.

Vereinzelt ist man im Lager der Psychologen sogar der Meinung, dass es als Folge einer "Trotzreaktion" in den USA zu steigenden Aktienkursen kommen kann. Kurzfristig muss aber wohl bei einer insgesamt schwankungsanfälligen Börse nochmals mit Kursverlusten gerechnet werden. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt aber, dass die Amerikaner bei Bedrohungen von außen immer mit Ge- und Entschlossenheit reagiert haben. Auch die Wirtschaft zeigte sich in Krisenzeiten immer in der Lage zu außergewöhnlichen Kraftanstrengungen. Deshalb könnte eine "Wiederaufbaumentalität" um sich greifen, die sich dann auch in einer gefestigten Börse widerspiegeln sollte.

Es bleiben Unsicherheitsfaktoren

Doch: "Die Achillesferse ist der amerikanische Konsument", meint ein Finanzmarktstratege. Wenn das Verbrauchervertrauen dauerhaft leide, werde das Konjunkturtal "tiefer und breiter". Der private Verbrauch macht zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung aus. Daher werden die nächsten Daten über die Verbraucherstimmung wichtige Anhaltspunkte darüber liefern, wie sehr die Amerikaner traumatisiert sind. Eine wichtige Kennzahl also, die der deutsche Investor beachten muss.

Eine Flucht in Gold als sicheren Hafen war die erste Reflexreaktion vieler Anleger. Aber die Zeit des Goldes ist seit mindestens 20 Jahren vorbei; es ist ein Muster ohne Wertsteigerung, wie auch schon die zweite Reaktion auf dem Goldmarkt bewies, als der Preis für das Edelmetall wieder sank.

Ein Unsicherheitsfaktor für die Konjunktur bleibt der Ölpreis, der ebenfalls - alten Gepflogenheiten folgend - zunächst nach oben schoss. Aber hier beruhigte die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) die Gemüter. Sie will den Ölhahn notfalls aufdrehen. So sind die Folgen für die Weltwirtschaft in den Griff zu bekommen.

Privatanleger sollten abwarten, bis die amerikanischen Börsen wieder voll funktionieren und sich erste Stimmungsbilder bei den Konsumenten abzeichnen. Wer trotzdem Anlagedruck verspürt, der kann seine Liquidität auf Tagesgeld- oder Festgeldkonten und in Geldmarktfonds zwischenzeitlich parken und sogar eine attraktive Verzinsung erwarten, denn die Internet- und Direktbanken liefern sich hier einen harten Konditionenkampf.

Experten erwarten sinkende Leitzinsen oder direkte Geldeinschleusungen

Bei den festverzinslichen Papieren ist von einer zukünftig steileren Zinsstrukturkurve auszugehen. Anleiheexperten meinen damit, dass sich die Zinsen am kurzen Laufzeitenende überproportional nach unten bewegen werden. Denn die Notenbanken werden entweder über direkte Geldeinschleusungen in die Wirtschaft oder über weiter sinkende Leitzinsen sicherstellen, dass das Geld nicht knapp wird. Außerdem dürfte man so einer weiteren konjunkturellen Abkühlung in Euroland gegensteuern. Vor allem Euro-Papiere mit Laufzeiten von fünf bis sieben Jahren seien vor diesem Hintergrund interessant, sagt Rüdiger Brauel, Leiter des Rentenfondsmanagements bei der Anlagegesellschaft Union Investment. Wer sich nicht zum Kauf von einzelnen Titeln durchringen kann, dem empfiehlt Brauel Rentenfonds mit einer Mischung aus Kurzläufern und mittleren Laufzeiten.

Wer am Aktienmarkt gegen den Strom handelt, kauft, wenn die Bomben fallen, wie es die Börsianer so plastisch formulieren. Die Aktienmärkte waren auch schon vor dem Anschlag auf Tiefständen. Jetzt empfehlen Analysten bereits defensive Werte wie Pharma - oder die zunächst gebeutelten Versicherungen, weil diese nach dem Verdauen der Milliardenschäden teurere Policen an zahlungsbereite Kunden verkaufen könnten.

Und wer angesichts der schrecklichen Bilder aus Amerika nicht an Profit und Prozente denkt und erst einmal die Finger von seinem Depot lässt, macht wahrscheinlich die wenigsten Fehler.

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