Ochsenknecht, Bruhns und Timm: Biografien aus der Zeit des Nationalsozialismus haben wieder Konjunktur
Die bohrenden Fragen der Enkel

Die Journalistin Wibke Bruhns gehört zu den gefeierten Stars der Leipziger Buchmesse. Ihr Buch "Meines Vaters Land" begeistert die Kritiker und stürmt die Bestsellerlisten. "Ich wollte verstehen, was meine Generation geprägt hat", sagt sie im Gespräch mit dem Handelsblatt.

LEIPZIG. Bruhns beschreibt die Geschichte des Abwehroffiziers Hans Georg Klamroth. Es ist die Geschichte ihres eigenen Vaters, der 1944 als Hochverräter hingerichtet wurde. Damals war sie keine sieben Jahre alt. "Ich wusste nichts über ihn. Ich wollte mir diesen Mann und sein Umfeld präsent machen."

Wibke Bruhns ist die derzeit populärste Vertreterin einer ganzen Garde von Autoren, die die Rolle der eigenen Familie während der NS-Zeit aufarbeiten. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse hat Ingeborg Ochsenknecht ihre Erinnerungen als Krankenschwester an der Ostfront veröffentlicht ("Als ob der Schnee alles zudeckte"). In der vergangenen Woche war das Buch von Uwe Timm ("Am Beispiel meines Bruders") wieder einmal Diskussionsthema beim Kölner Festival Lit-Cologne.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit der eigenen Familie hat Konjunktur - wieder einmal. "Biografische Literatur zum Zweiten Weltkrieg hat es immer gegeben", sagt Rolf Düsterberg, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Osnabrück. Sehr früh nach dem Krieg schon die klassische "Ich-war-dabei-Literatur" von Soldaten aller Dienstgrade. Später auch Erinnerungsbücher von Zivilisten. Aber diese Zeitzeugen sterben langsam aus.

Ingeborg Ochsenknecht veröffentlicht ihr Buch jetzt mit 84 Jahren. Die Mutter des Schauspielers Uwe Ochsenknecht beschreibt, wie sie damals glaubte, mit Hitler würde alles besser werden. Was mit einer Mischung aus Naivität und Abenteuerlust beginnt, endet in der Katastrophe. So wie in vielen anderen deutschen Familien auch.

"Die offizielle Erinnerung der Bundesrepublik dreht sich meist um Holocaust und Nazi-Verbrechen. Die private Erinnerung hingegen kreist um das Leiden der Familie und das Überleben in schwieriger Zeit", sagt Harald Welzer. Der Professor am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen untersucht, wie die Deutschen mit der NS-Vergangenheit umgehen und was sie an die nachfolgenden Generationen weitergeben.

Bei Ingeborg Ochsenknecht waren es die bohrenden Fragen der eigenen Enkel, die sie motivierten ihre Erinnerungen zu veröffentlichen. Im Prolog schreibt die vierfache Großmutter: "Seit sie gefragt haben, kehren die Erinnerungen stärker zurück."

Seite 1:

Die bohrenden Fragen der Enkel

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%