Archiv
Oecd kritisiert deutsches Bildungssystem

Wieder schlechte Noten für Deutschland: drei Jahre nach der alarmierenden Pisa-Studie fällt das deutsche Bildungssystem im weltweiten Vergleich weiter zurück. Das System sei unterfinanziert und zu unflexibel, heißt es in einem Bildungsreport.

dpa BERLIN. Wieder schlechte Noten für Deutschland: drei Jahre nach der alarmierenden Pisa-Studie fällt das deutsche Bildungssystem im weltweiten Vergleich weiter zurück. Das System sei unterfinanziert und zu unflexibel, heißt es in einem Bildungsreport.

Er wurde von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Oecd) vorgestellt. Danach bilden die Bundesländer noch immer zu wenig Akademiker aus und gefährdeten damit den Anschluss an die weltwirtschaftliche Entwicklung. Die Industrie forderte umgehend größere Investitionen in Bildung. Nach Ansicht von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sollten sich die Länder ein Beispiel am Bund nehmen, dessen Bildungshaushalt zuletzt stetig gestiegen sei. "Die Länder müssen nachziehen", sagte er in Berlin. Die Gewerkschaft für Erziehung und Bildung (GEW) machte die Kultusminister der Länder für den Abstieg verantwortlich.

Der deutsche Oecd-Koordinator Andreas Schleicher kritisierte fehlende Investitionen in den Ländern, verkrustete Schulstrukturen, zu große Klassen und zu wenig Unterricht. Dafür sei "vor allem der Stillstand bei Reformen und Investitionen in den 80er und 90er Jahre verantwortlich". Zwar sei eine Trendwende eingeleitet. Doch die Reformen kämen "sehr, sehr spät". Mehrere Oecd-Staaten "ernten heute mit hohem Wirtschaftswachstum die Früchte ihrer Qualifikationsanstrengungen der vergangenen zehn bis 20 Jahre".

Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sagte, der Bund habe seit 1998 seine Bildungsausgaben um 36 % erhöht. Doch der Nachholbedarf sei enorm und die Länder müssten endlich mitziehen. Die Erfolge von Investitionen und Reformen würden erst nach Jahren sichtbar. Schleicher bezeichnete den von der Bundesregierung mit Vier-Mrd.-Euro geförderten Ausbau der Ganztagsschule als "entscheidendste Reform". Auch die Bafög-Reform führe zu mehr Studenten.

So ist die Zahl der Studienanfänger zwischen 1998 und heute von 28 auf 36 % eines Altersjahrganges gestiegen. Eine weitere Zunahme sei aber kaum noch möglich, da die Länder zu wenig junge Menschen mit Studienberechtigung ausbildeten, sagte Schleicher. Im Oecd-Schnitt nimmt inzwischen die Hälfte eines Jahrganges ein Studium auf - in Finnland, Ungarn, Polen und den USA sind dies zwischen 60 und 71 %. Mehr Hochschulabsolventen hätten in keinem Land zu höherer Akademikerarbeitslosigkeit oder zu niedrigen Gehältern geführt. Hohe Qualifikation werde immer mehr zur Voraussetzung von Wirtschaftswachstum.

Deutsche Schüler lernen in erheblich größeren Klassen als in erfolgreichen Nationen und haben deutlich weniger Unterricht - bei den Sieben- bis Achtjährigen pro Jahr 160 Stunden weniger als im Oecd-Schnitt. Dafür sind deutsche Lehrergehälter höher. Die Oecd- Staaten haben ihre Schulinvestitionen von 1995 bis 2001 um 21 % und im Hochschulbereich um 30 % gesteigert. In Deutschland lagen die Steigerung bei sech und sieben Prozent. Mit seinen Gesamtinvestitionen liegt Deutschland gemessen am Bruttoinlandsprodukt mit 5,3 % unter dem Oecd-Mittel von 5,6 %.

Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) sagte, der Pisa-Schock habe Kräfte bewegt, die man der KMK früher nicht zugetraut habe. Dies sei bei der Verständigung auf bundesweite Bildungsstandards deutlich geworden. Die Kultusminister der unionsgeführten Bundesländer reagierten mit scharfer Kritik auf die Studie. Oecd-Koordinator Schleicher ignoriere die grundlegendenden Verbesserungen im deutschen Schulwesen, sagte Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan (CDU).

Industrie-Präsident Michael Rogowski forderte von Bund und Länder einen gemeinsamen "Pakt für Bildung". Die GEW verlangte ein Ende der "föderalen Kleinstaaterei". Auch Unions-Fraktionsvize Maria Böhmer sprach sich für eine Ende des "Kompetenzgerangels" aus.

Zugleich forderte Böhmer die Streichung der Steinkohle- Subventionen zu Gunsten von Bildungsinvestitionen. Die FDP sprach sich für einen radikalen Subventionsabbau aus. Die Grünen forderten die Union auf, der Abschaffung der Eigenheimzulage zuzustimmen, um Geld für Bildung freizumachen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%