OECD: Vergeudung wirtschaftlicher Ressourcen
"Pisa" erschüttert Kultusministerien

Die Gelassenheit, mit der Kultusminister- Präsidentin Annette Schavan (CDU/Baden-Württemberg) den schwerwiegenden Befund der "Pisa"-Forscher der Öffentlichkeit präsentierte, täuscht. Die Ergebnisse sind noch viel miserabler als erwartet.

dpa BERLIN. Sie haben manches Kultusministerium bis ins Mark erschüttert. Doch ein Konzept für schnelle Abhilfe ist noch nicht in Sicht.

Für diesen Mittwoch haben die Kultusminister überraschend in Bonn zu einer Sondersitzung eingeladen. Dringend angesagt sind die bessere Förderung lernschwacher Schüler, Nachhilfeangebote der Schule auch in den Ferien, eine neue Lehrerausbildung, mehr frühe Förderung und Lernen schon im Kindergarten. Doch bis das alles in Recht und Verordnungen und vor allem auch in der Praxis umgesetzt ist, wird viel Zeit vergehen.

Ganztagsschule ein Lösungsweg?

Gestritten wird unter den 16 Ländern noch, ob denn das Wort "Ganztagsschule" als Antwort auf das deutsche Schul-Desaster überhaupt in einem Beschluss stehen darf. Die meisten Minister wollen das, einige wenige nicht. Beschlossen werden soll jetzt in Bonn ohnehin nur, dass man bis Oktober 2002 einen Maßnahmenkatalog vorlegen will. Einige Schulminister sind darüber schier verzweifelt. Öffentlich äußern will sich aber keiner.

Im SPD-Parteivorstand wurde am Montag lange darüber debattiert, ob angesichts der Schulmisere in den Ländern nicht der Bund endlich handeln und eine Rahmenkompetenz erhalten muss - im gesamtstaatlichen Interesse. Bei einigen SPD-Kultusministern wird gar schon ein Machtwort des Kanzlers befürchtet. Experten mahnen die Länder ohnehin seit langem, dass die deutschen Schulen zu wenig Abiturienten hervorbringen. Die Wirtschaft sorgt sich um ausreichend Akademikernachwuchs. Doch geschehen in den Ländern ist bisher nichts.

Bundesbildungsministerin reagierte verwirrt

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) reagierte am Dienstag sichtlich verwirrt, als sie auf eine Bundeskompetenz für die Schulpolitik angesprochen wurde. "Schnelle Hilfe und zügige Reformen sind für die betroffenen Schülergenerationen wichtiger als jahrelanges Kompetenzgerangel", beteuerte sie abwehrend. Eindringlich forderte sie die Länder auf, nun aber auch Konsequenzen zu ziehen. Die Umsetzung der erst vor zwei Wochen gemeinsam im "Forum Bildung" verabredeten Maßnahmen dürfe nicht zehn Jahre auf sich warten lassen.

Den schlechten deutschen Platz in der internationalen Ranking- Tabelle wussten Schavan und ihr Bremer SPD-Amtskollege Willi Lemke zwar betrübt, aber dennoch sportlich einzustecken. "Ich habe erst aus der Presse erfahren, wo Deutschland in dieser Tabelle steht. Das hat mich gar nicht so sehr interessiert", beteuerte bei der "Pisa"- Präsentation auch die Bildungsforscherin Petra Stanat, die im Berliner Max-Planck-Institut den deutschen "Pisa"-Teil mitbetreute.

Großer Anteil extrem schwacher Schüler

Was Bildungsforscher wie Politiker gleichermaßen schockiert, ist der mit 22,6 % große Anteil extrem schwacher Schüler in Deutschland, die über nur minimale Kenntnisse verfügen und wohl nur schwer eine Kammer-Prüfung für eine Lehrstelle schaffen können. Doch noch schwerwiegender schreckt das weitere "Pisa"-Zeugnis, nämlich dass Deutschlands Schulen trotz drei Jahrzehnten auch SPD-bestimmter Bildungspolitik "Weltmeister in der sozialen Selektion" sind. In kaum einem anderen Land ist die soziale Herkunft so entscheidend für den Bildungserfolg wie in Deutschland.

So hat ein Jugendlicher aus einer Akademikerfamilie eine vier Mal größere Chance, das Abitur zu erlangen, als ein Facharbeiterkind. Selbst bei gleich guten Leistungen, so belegt "Pisa", steigt dieses Facharbeiterkind im deutschen Schulsystem nicht auf. In Ländern wie Finnland, Schweden, Korea und Japan ist das dagegen kein Problem.

OECD: Vergeudung wirtschaftlicher Ressourcen

Lemke sagt: "Das muss sich ändern." Und auch Schavan will das nicht länger hinnehmen. Doch was tun? Mehr Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Schulformen, vor allem mehr "Aufstieg nach oben" ist nicht leicht zu erreichen. Der "Pisa"-Chef in der OECD-Zentrale in Paris, Andreas Schleicher, sieht darin vor allem eine Vergeudung von wirtschaftlichen Ressourcen für ein Land. "Die OECD ist kein Sozial- Institut, sondern eine Einrichtung zur Wirtschaftsförderung", begründet Schleicher sein Engagement in dieser Frage.

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