Ökonomen bieten viele Varianten
Gelassen mit Börsenprognosen umgehen

Die Tipps einiger Bankstrategen sind völlig gegensätzlich: Salomon erwartet eine kräftige Erholung, Dresdner-Experten warnen vor einer langen Baisse. Verwirrte Anleger sollten statt solcher Extreme lieber einen Mittelweg wählen, rät Konrad Aigner vom Private-Banking-Arm der Deutschen Bank.

HB DÜSSELDORF. Andrew Lapthorne und Mark Howdle - beide arbeiten im Herzen des Finanzzentrums London. Von dort schicken sie alle paar Tage per E-Mail ihre Börsenausblicke an vermögende Kunden auf der ganzen Welt. Doch hier enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Denn mit seinen Prognosen steht Lapthorne, Leiter des quantitativen Strategieteams bei Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW), in krassem Gegensatz zu Howdle, dem Europa-Chefstrategen von Salomon Smith Barney (SSB).

Während der Dresdner-Experte die Börsenwelt in den düstersten Farben malt, verbreitet SSB Optimismus. Die beiden Top-Adressen zeigen, wie widersprüchlich derzeit die Einschätzungen der Strategen sind, die Investoren eigentlich eine klare Orientierung bieten sollen. Experten werten die Vielfalt als Signal für die aktuelle Unsicherheit an den Märkten. Sie raten Privatanlegern, nicht jeder neuen Empfehlung zu folgen.

SSB-Stratege erwartet Börsenaufschwung

"Zwei zentrale Bedingungen für unser Erholungs-Szenario sind in den vergangenen Tagen eingetreten", verkündet SSB-Stratege Howdle in einem aktuellen Marktausblick. Er erwartet einen deutlichen Aufschwung an den Börsen. Positiv wertet SSB, die Investmenttochter des weltgrößten Finanzkonzerns Citigroup, den jüngsten Anstieg des US-Stimmungsbarometers der NAPM (National Association of Purchasing Managers). Auf nachlassenden Pessimismus bei den Analysten deute zudem hin, dass sich das Verhältnis zwischen Herauf- und Herabstufungen zuletzt verbessert habe.

Howdles Anlage-Tipp: Investoren sollten sich mit Aktien dynamisch wachsender Unternehmen und mit Zyklikern eindecken. So empfehlen die SSB-Strategen Technologiewerte, Banken und Grundstoff-Branchen wie Chemie. Denn diese dürften von einem Aufschwung am meisten profitieren.

Dresdner-Experte sieht weitere Wolken

Ganz anders urteilt Dresdner-Stratege Andrew Lapthorne: "Die Gewinnerwartungen der Analysten für das nächste Jahr sind immer noch unrealistisch hoch", sagt er. Vielfach hätten die Bankexperten ihre Ertragsprognosen zwar für das laufende Jahr drastisch gesenkt - aber nicht für das nächste Jahr. "Weitere Herabstufungen sind unausweichlich", sagt Lapthorne, "und das wird die Börsen belasten".

In dieser Lage böten Anleihen ein besseres Chance-Risiko-Profil als die meisten Aktien, meinen die Dresdner-Experten. Die als langweilig und renditeschwach geltenden Anleihen haben deshalb mit 45 % einen höheren Anteil im Dresdner- Musterportefeuille als Aktien (40 %). Eine solche Gewichtung ist extrem selten und zeigt, wie wenig die Experten den Aktienmärkten zutrauen.

Wenn schon Aktien, dann sollten Investoren keinesfalls auf Technologie und Zykliker setzen, rät Lapthorne. Er empfiehlt vielmehr defensive Werte mit stabilen Erträgen wie Pharmakonzerne und Lebensmittelhersteller.

Das Vertrackte an den Prognosen von SSB und DKW: Jede Argumentation basiert auf harten Fakten und klingt überzeugend. Und doch sind die Schlussfolgerungen völlig widersprüchlich.

Doch statt nun zu grübeln, wer Recht haben könnte, sollten Privatanleger solche Extrem-Prognosen generell vorsichtig beurteilen, rät Konrad Aigner von der Private-Banking-Abteilung der Deutschen Bank in Frankfurt. Aigner entwickelt dort Anlagekonzepte für vermögende Privatkunden. Eine seiner Aufgaben sieht er darin, die oft extremen und stark schwankenden Prognosen der Strategie-Profis zu glätten. Die Londoner Strategieteams richteten sich vor allem an professionelle Banker und Fondsmanager, erklärt Aigner - weniger an Privatanleger. Die Profis schätzten spannende Ideen höher als Mainstream-Prognosen. "Privatanleger fahren aber langfristig gut damit, einen mittleren Weg zu beschreiten", sagt Aigner. Im Streitfall Dresdner versus Salomon hieße das, sowohl Technologiewerte als auch defensive Aktien im Depot zu halten.

Zuweilen dämpft Aigner auch Prognosen aus dem eigenen Haus ein wenig ab. "Wenn unsere Währungsexperten zum Beispiel eine starke Abwertung des britischen Pfund prognostizieren, dann empfehle ich nicht gleich den Verkauf aller britischen Aktien", sagt er. Aigners Rat: Auch wer sein Vermögen selbst verwaltet, sollte nicht nach jeder spannenden Strategie-Empfehlung sein Depot komplett umschichten.

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