Ökonomen fürchten um das Sanierungsprogramm - Privatisierungsvorhaben in der Türkei stocken
Deftige Kritik an der Reformpolitik Ankaras

Nach dem Finanzschock vom Montag versuchten führende Ökonomen in der Türkei, die Märkte zu beschwichtigen. Zentralbankchef Gazi Ercel hat mit Blick auf den Streit in der Staatsspitze die Finanzmärkte aufgefordert, Ruhe zu bewahren. An der Reformpolitik Ankaras entzündet sich derweil Kritik.

ANKARA. Der türkische Zentralbankchef Gazi Ercel hat versichert, es stehe außer Frage, dass die Türkei das mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) vereinbarte Wirtschaftsreformprogramm fortführen werde. Eine Abwertung der Lira stehe nicht zur Diskussion. Auch Ministerpräsident Bulent Ecevit bekannte sich zur Fortsetzung des vom Internationalen Währungsfonds (IWF) abgestützten Reformprogramms. IWF-Vizedirektor Stanley Fischer zeigte sich in Ankara zuversichtlich über die Fortsetzung des Reformprogramms. Die Tagesgeldsätze am türkischen Geldmarkt schossen derweil in die Höhe.

Ein offener Konflikt zwischen Präsident Necdet Sezer und Regierungschef Ecevit hatte am Montag eine Finanzkrise ausgelöst, in der der Hauptindex der Börse in Ankara um bis zu 16 % abgerutscht war. Die Banken kauften von der Zentralbank Devisen von fast 5 Mrd. $, fast einem Fünftel der gesamten türkischen Reserven. Es war die größte Flucht aus der Landeswährung an einem Tag in der Geschichte der Türkei. Gerüchte von einer Abwertung der Lira, die zugleich das Ende des für die ökonomische Stabilität so entscheidenden dreijährigen Reformprogrammes besiegeln würde, steigerten die Panik über Nacht.

Medienschelte am Verhalten der Führung Türkische Medien wetterten am Dienstag heftig gegen die Verantwortungslosigkeit der Politiker, die eine schwere Krise vom Zaun gebrochen hätten, und dies gerade zu einem Zeitpunkt, da sich der Markt wieder etwas von den Erschütterungen des vergangenen Dezember zu erholen begann. Tatsächlich lässt der stark persönlich gefärbte Konflikt zwischen Ecevit und Sezer in Wirtschaftskreisen ernsthafte Zweifel an der Entschlossenheit der politischen Führung zur Durchsetzung des Sanierungsprogramms zurück.

Diese - so unabhängige Ökonomen - sei sich offensichtlich nicht über die katastrophalen Auswirkungen ihres Verhaltens im Klaren gewesen. Die politischen Meinungsverschiedenheiten über die Handhabung des Anti-Korruptionskampfes blieben zunächst bestehen. "Solange die Probleme an der Staatsspitze nicht gelöst sind", warnt Mohac Ozbayri von Hak Securities, "werden sich die Märkte nicht wirklich erholen, auch wenn sich die Regierung noch so oft zur Fortsetzung ihrer guten Arbeit bekennt."

Unsicherheiten über Schatzscheine Der Streit fiel zusammen mit einem Routinebesuch eines IWF - Teams, unter Führung Stanley Fischers. Der Fonds hatte der Türkei im Dezember in einer gravierenden Liquditätskrise mit einem Notstandskredit von 7,5 Mrd. $ unter die Arme gegriffen, um das von ihm mit fast 4 Mrd. $ abgestützte Reformpaket zu retten. Der Zusammenbruch von zehn Privatbanken als Folge einer Anti-Korruptionskampagne hatte damals die Krise ausgelöst, die schwere Mängel im türkischen Bankensektor entlarvte.

Wirtschaftskreise am Bosporus sind sich keineswegs sicher, dass der IWF der Türkei immer wieder bei neu aufflammenden Krisen unter die Arme greifen werde. Ankara hat bisher vom Gesamtkredit von über 10 Mrd. $ erst 3,7 Mrd. $ in Anspruch genommen. Damit könnte der Währungsfonds immer noch 7,7 Mrd. $ zurückziehen. Auf dem Staat lasten Inlandsschulden von 5,8 Mrd. $, die die Regierung durch die Auktion von Schatzscheinen zu bedienen hofft. Gelingt ihr das nicht, wäre sie nach Ansicht von Experten gezwungen, Geld zu drucken und damit die IWF - Verpflichtungen zu verletzen.

In seinem jüngsten Türkei-Bericht drängt der IWF die Türkei zur "strikten Befolgung ihres monetären, fiskalischen und strukturellen Reformprogramms", wiewohl er zugleich gewissen Fortschritte, insbesondere bei der Durchsetzung von monetären Reformen durch die Zentralbank lobt. Doch unabhängige Ökonomen sind sich einig, dass die Reformen nur höchst zögernd vorankommen. Zwar wuchs die Wirtschaft im Vorjahr um etwa 5 %, doch dies ging mit einem steigenden Leistungsbilanzdefizit einher, das einen Rekord von etwa 10 Mrd. $ erreichte. Zugleich ist nun das Vertrauen der Investoren auf Null abgesackt, während die Regierung durch wiederholte heftige Proteste aus der Arbeiterschicht gegen wachsende Armut und immer neue Belastungen massiv unter Druck gerät.

Bisher konnte Ecevit sein im Gegenzug für den Notstandskredit im Dezember dem IWF gegebenes Versprechen nach beschleunigter Privatisierung auch nicht einhalten. Zwar wurden Anteile von 33,5 % an Turkish Telekom und 51 % an Turkish Airlines zum Verkauf ausgeschrieben, doch das Interesse blieb äußerst begrenzt. Deshalb verlängerte die Regierung eben die Bewerbungsfrist für Turkish Airlines um ein weiteren Monat.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%