Ökonomen rechnen 2002 nur mit einem leichten Plus
Noch immer Eiszeit bei den Investitionen

Die US-Wirtschaft erholt sich schneller als gedacht - nur die Investitionen kommen nicht in Gang. Solange sich dies nicht ändert, kann von einem dauerhaften Aufschwung keine Rede sein, warnen Volkswirte. In Deutschland überschattet zudem die aggressive Tarifrunde die Investitionsbereitschaft der Firmen.

DÜSSELDORF. Lufthansa-Chef Jürgen Weber kennt keine Gnade: Um denn Gewinn zu steigern und den Schuldenberg abzubauen, streicht der Konzernlenker im laufenden Jahr rigoros die Investitionen zusammen - auf unter eine Mrd. Euro. Ein Jahr zuvor waren es noch drei Mrd. Euro.

So wie Weber denken derzeit die meisten Unternehmer und legen die Axt an bei den Investitionen. In den USA brachen sie 2001 im Jahresvergleich um 8,0 % ein, in Deutschland gar um fast 9 %. Diese Eiszeit löste im vergangenen Jahr den Abschwung der Weltwirtschaft erst aus.

Erst, wenn der Investitionsstreik zu Ende geht und Firmen ihre Produktionskapazitäten wieder ausbauen, kann ein nachhaltiger Aufschwung beginnen. "Die Dauerhaftigkeit der aufkeimenden Erholung steht so lange in Frage, bis die Investitionen anspringen", sagt Maury Harris, US-Chefökonom von UBS Warburg. Auch Bundesbank-Chef Ernst Welteke sorgt sich um die Nachhaltigkeit der US-Erholung: "Der Aufschwung in den USA ist womöglich das Resultat von Einmaleffekten", sagte er in London.

Bislang gibt es nur überaus schwache Hoffnungsschimmer. In den USA lagen die Bruttoinvestitionen der Unternehmen im ersten Quartal 7,3 % unter dem Vorjahreszeitraum. Zwar war das Minus nur noch halb so stark wie im vierten Quartal, aber "wir warten weiter auf die Investitionen", kommentiert die Deutsche Bank, die mit besseren Zahlen gerechnet hatte.

In Deutschland habe sich der Rückgang der Brutto-Anlageinvestitionen zu Jahresbeginn verlangsamt, heißt es im Frühjahrsgutachten. Bereits ab dem zweiten Quartal rechnen die sechs Wirtschaftsforschungsinstitute mit einen "spürbaren Anstieg" der Anlageinvestitionen - weil die Exporte anzögen, die Finanzierungsbedingungen günstig seien und sich die Gewinnsituation der Unternehmen verbessere.

Doch diese Prognose erscheint überzogen - so optimistisch sind Bankenvolkswirte noch nicht einmal für die USA, wo sich die Wirtschaft schneller erholt. UBS Warburg rechnet 2002 nur mit einem mageren Investitions-Anstieg von 0,4 % gegenüber dem Vorjahr.

"Hoffnungen auf einen kraftvollen Anstieg der Investitionen sind bestenfalls verfrüht", warnt auch Jan Hatzius, Ökonom bei Goldman Sachs. Zwar erwartet er 2002 in den USA einen deutlichen Anstieg der Unternehmensgewinne. "Selbst unter normalen Umsätzen hinkten die Investitionen Gewinnanstiegen etwa drei Quartale hinter her", so Hatzius. "Im momentanen Konjunkturzyklus ist es wahrscheinlich, dass die Zeitverzögerung noch größer ist." Er führt drei Gründe an: Erstens seien die Gewinne zuvor besonders drastisch eingebrochen. Zweitens sei die Kapazitätsauslastung seit 2000 stark gefallen, die erwartete Rendite von Investitionen daher nicht besonders hoch. Drittens ächzten viele Firmen unter hohen Schuldenbergen und würden mit steigenden Gewinnen Verbindlichkeiten abzahlen. Ähnlich argumentieren die Volkswirte von Credit Swiss First Boston: "Weil die US-Firmen derzeit ihre Bilanzen in Ordnung bringen, verzögert sich die Trendwende bei den Investitionen."

Falls die Investitionen im Laufe des Jahres nicht in Schwung kommen, könnte sich der Aufschwung als Strohfeuer erweisen - trotz des überraschend starken US-Wachstums im ersten Quartal. Zwar wuchs die Wirtschaft mit einer Jahresrate von 5,8 %. Mehr als die Hälfte davon ist aber mit dem langsameren Lagerabbau zu erklären. Nachdem die US-Firmen 2001 ihre Vorräte drastisch zusammengestrichen haben, fahren sie nun die Produktion hoch, um die Nachfrage zu bedienen und wieder Vorräte anzulegen. Doch diese Impulse laufen aus, wenn die Lagerbestände wieder Normalmaß erreicht haben.

Auch der private Konsum dürfte die Konjunktur in den USA kaum im Schwung bringen. Anders als in früheren Rezessionen gibt es kaum zurückgestaute Nachfrage, im Gegenteil: Die Amerikaner verfielen 2001 in einen Kaufrausch, der die Wirtschaft vor einem weit tieferen Abschwung bewahrte.

In Deutschland kommt ein weiteres Risiko hinzu - die Tarifrunde. Jens Weidmann, Generalsektretär des Sachverständigenrats, fürchtet die Signalwirkung eines zu hohen Abschlusses in der Metallindustrie: "Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen würde leiden."

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