Ökonomen rechnen mit weiterer Zinssenkung
Abwärtstrend der US-Wirtschaft ungebrochen

Die amerikanische Wirtschaft rutscht weiter in eine Rezession. Nach dem Rückgang im dritten Quartal befürchten Ökonomen ein weiteres Absacken zum Jahresende. Eine Besserung ist erst Mitte 2002 zu erwarten.

NEW YORK. Besser als befürchtet, aber kein Grund zur Beruhigung. So bewerten Ökonomen an der Wall Street die jüngsten Wachstumszahlen aus den USA. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte nach einer ersten Berechnung des Handelsministeriums im dritten Quartal mit einer Jahresrate von 0,4 %. Analysten hatten ein Minus von 1 % erwartet. Doch der jetzt festgestellte Wert ist der stärkste Rückgang seit der letzten Rezession 1991. Die New Yorker Börse und der Dollar reagierten zunächst mit leichten Gewinnen auf die Quartalszahlen.

Im zweiten Quartal 2001 war die amerikanische Wirtschaft noch um 0,3 % gewachsen. Nach den Terroranschlägen am 11. September hat sich die wirtschaftliche Talfahrt offensichtlich beschleunigt. Das Bruttoinlandsprodukt ist der umfassendste Begriff für die in einer Wirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen.

"Es ist eine kleine Überraschung", kommentierte Cary Leahey, Ökonom bei der Deutschen Bank in New York, die Zahlen. Vor allem die Investitionen in Geräte und Software seien mit einem Rückgang von 11,8 % weniger stark eingebrochen als befürchtet. Im Vorquartal waren diese Investitionen noch um 15,4 % zurückgegangen. Eine Entwarnung wollte Leahey dennoch nicht geben. Vielmehr rechnet er im Schlussquartal dieses Jahres mit einem weiteren Rückgang des BIP um 2,5 %. Dann befänden sich die USA definitiv in einer Rezession.

Adam Posen, Ökonom am Institute for International Economics in Washington, geht davon aus, dass die US-Notenbank Federal Reserve bereits auf ihrer nächsten Sitzung am 6. November mit einer weiteren Zinssenkung um mindestens 25 Basispunkte auf die wirtschaftliche Schwäche reagieren wird. Die Fed hat in diesem Jahr bereits neunmal die Leitzinsen um insgesamt vier Prozentpunkte gesenkt. Der Spielraum für eine weitere geldpolitische Lockerung ist da: Bezogen auf den Warenkorb des BIP sanken die Preise im dritten Quartal mit einer Jahresrate von 0,4 % nach einem Anstieg von 1,3 % im Vorquartal. Diese Entwicklung hat nach Meinung von Posen ebenfalls dazu beigetragen, das der Wert des BIP weniger stark gefallen ist als befürchtet.

Verantwortlich für den Wachstumseinbruch ist die anhaltende Investitionsschwäche und ein deutlicher Rückgang des privaten Verbrauchs. Die Anlageinvestitionen der Unternehmen sanken um 11,9 % nach 14,6 % im Vorquartal. Die Firmen sind offenbar mehr damit beschäftigt, ihre Läger zu räumen als neue Kapazitäten aufzubauen. Der Lagerabbau verstärkte sich von zuletzt 38,3 Mrd. auf jetzt 50,4 Mrd. Dollar.

Der Anstieg der Konsumausgaben ging von 2,5 % auf nur noch 1,2 % zurück. Das ist der schwächste Zuwachs seit mehr als acht Jahren. Da der private Verbrauch etwa zwei Drittel aller Güter und Dienstleistungen in den USA generiert, ist ein Rückgang des Konsums besonders bedrohlich für die amerikanische Wirtschaft.

Jüngste Zahlen zum Verbrauchervertrauen zeigen, dass sich das Konsumklima in den kommenden Monaten weiter eintrüben könnte. Vor allem die anhaltende wirtschaftliche Unsicherheit nach den Terrorattacken hat bei den sonst ausgabefreudigen Amerikanern zur Kaufzurückhaltung geführt. Steigende Arbeitslosenzahlen könnten die Stimmung noch weiter verschlechtern. Nach den Massenentlassungen der letzten Wochen rechnen Ökonomen mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote von zuletzt 4,9 auf 5,2 % im Oktober. Die Zahlen werden am kommenden Freitag vorgelegt.

Kaum noch Entlastung kam in den Monaten Juli bis September von der Seite des Staates. Die Staatsausgaben wuchsen nur noch mit einer Jahresrate von 1,8 % nachdem sie im zweiten Quartal die Wirtschaft noch mit einem Plus von 5 % gestützt hatten. Sinkende Steuereinnahmen haben in vielen Bundesstaaten zu Ausgabenkürzungen geführt.

Die drastischen Zinssenkungen und das geplante Konjunkturpaket werden nach Meinung von David Wyss, Chefökonom bei der Ratingagentur Standard & Poor?s, von der Mitte des kommenden Jahres an jedoch für eine kräftige wirtschaftliche Erholung sorgen. "Vorausgesetzt", fügt Wyss hinzu, "es gibt keine neuerlichen Terroranschläge."

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