Ökonomie
Auf der Suche nach Wahrheit

Die Wirtschaftswissenschaften haben seit der Nachkriegszeit mehrere Paradigmenwechsel durchgemacht. Wo steht die Disziplin heute? Ein Essay.

Mehr als 716 000 Treffer liefert die Internet-Suchmaschine Google zu dem Begriff, der Buchhändler Amazon.de hat 402 Bücher dazu im Angebot, und Angela Merkel ist in ihrer ersten Regierungserklärung an vier Stellen darauf eingegangen: "Soziale Marktwirtschaft". Gut sechs Jahrzehnte ist diese Wortschöpfung alt, doch auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts ist sie noch in aller Munde.

Dabei ist bis heute nicht hundertprozentig sicher, wer den Begriff erfunden hat. "Das ist eine offene Frage", schreibt Nils Goldschmidt, Forschungsreferent am Freiburger Walter Eucken Institut, in einem Arbeitspapier. Klar ist: Alfred Müller-Armack war der Erste, der den Terminus "Soziale Marktwirtschaft" in einer Publikation benutzt hat. 1946 überschrieb er damit ein Kapitel in seinem Buch "Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft". Einige Quellen aber sprechen davon, Ludwig Erhard selbst habe den Begriff im Januar 1945 in einem Gespräch erfunden. Und schon in den frühen vierziger Jahren hatten liberale Ökonomenzirkel unter dem Stichwort "Sozialkapitalismus" Konzepte für eine Wirtschaftsordnung nach dem Krieg diskutiert. So diffus die Herkunft des Begriffs, so mächtig seine Strahlkraft: Die Chiffre "Soziale Marktwirtschaft" war und ist der Kitt für die Wirtschaftswissenschaften in der Bundesrepublik. Allerdings legten verschiedene Generationen von Ökonomen den Begriff höchst unterschiedlich aus.

Die Ordnungspolitik

Im Vergleich zum internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream schlug die deutsche Wirtschaftswissenschaft in den Jahrzehnten unmittelbar nach dem Krieg einen Sonderweg ein. Im angelsächsischen Raum hatten die makroökonomischen Konzepte von John Maynard Keynes Hochkonjunktur. Aus der Weltwirtschaftskrise hatte er die Lehre gezogen, dass der Staat eine aktive und zentrale Rolle bei der Glättung von Konjunkturzyklen zu spielen habe.

Die nach dem Krieg in der Bundesrepublik tonangebenden ordoliberalen Nationalökonomen um Walter Eucken, Wilhelm Röpke und Franz Böhm hatten andere Schlüsse aus der großen Depression gezogen. Auch sie wiesen dem Staat eine weit wichtigere Rolle zu, als dieser in der Zeit des "Laissez faire" in den Industrieländern gespielt hatte. So schreibt zum Beispiel Eucken: "Die Lenkungsmethoden der Freien Wirtschaft und der Zentralverwaltungswirtschaft sind gescheitert."

Anders als die Keynesianer lehnte die "Freiburger Schule" aber aktive staatliche Interventionen im Spiel von Angebot und Nachfrage ab. Euckens Standpunkt war eindeutig: "Jede ,punktuelle' Wirtschaftspolitik, die die einzelne wirtschaftspolitische Frage für sich im Rahmen eines Fachgebietes zu lösen sucht, ist unzureichend und gefährlich." Statt einer interventionistischen "Prozesspolitik" propagierte er eine "Ordnungspolitik". Die Rolle des Staates sei dabei, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass der Marktmechanismus reibungslos funktionieren könne. "Während die sozialen Einheiten eigenständig planen und ihre Pläne über den Markt koordiniert werden, ist es Aufgabe des Staates, die Bedingungen für diese einzelwirtschaftlichen Prozessplanungen zu gestalten", erklärt der Düsseldorfer Ökonom H. Jörg Thieme in seinem Buch "Soziale Marktwirtschaft" das Grundprinzip.

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