Ölpreis nach gescheitertem Putsch gestiegen
Chávez verspricht Korrektur seiner Politik

Auf den ersten Blick scheint nach der politischen Krise vom Wochenende in Caracas vieles wieder normal zu funktionieren. Doch politische Stabilität ist in Venezuela noch nicht wieder hergestellt - die Arbeiter des Ölkonzern warten ab. Deutsche Beobachter halten neue Putschversuche für möglich.

abu/cla SAO PAOLO. Die Läden haben geöffnet, in den meisten Schulen findet Unterricht statt und von den Demonstrationen und Plünderungen sind nur noch Barrikaden und ausgebrannte Läden übrig. Doch die Ruhe täuscht: Die Stimmung ist in Caracas weiterhin angespannt. "Wir sitzen hier auf einem Pulverfass", sagt ein Vertreter der deutschen Wirtschaft, "hier kann sich in wenigen Stunden wieder alles ändern." Die Informationen fließen spärlich: Langsam erst beginnen einige TV-Sender mit der Berichterstattung.

Gespannt warten die Venezolaner, ob der wieder eingesetzte Präsident Hugo Chávez nun weiter den Konfrontationskurs fährt oder sich versöhnlich geben wird, wie er es in seiner Antrittsrede angedeutet hatte. Chávez wird an seinem Verhalten gegenüber dem staatlichen Ölkonzern PdVSA gemessen werden. Dessen Arbeiter und Arbeitnehmer hatten mit ihren Streik gegen Personalentscheidungen des Präsidenten an der Spitze des Unternehmens die stärkste politische Krise Venezuelas seit zehn Jahren eingeleitet.

Chávez hat nun das von ihm eingesetzte Führungsgremium zurück treten lassen und damit den Weg freigemacht für eine verhandelte Lösung. Doch die Streikenden sind nach den harten Auseinandersetzungen sicherlich nicht bereit, autoritäre Lösungen durch Chávez hinzunehmen. Die Ölproduktion hat sich inzwischen wieder weitgehend normalisiert. Lediglich bei der Gasversorgung für die chemische Industrie im Land selbst kommt es noch zu Ausfällen.

Bisher hat sich Chávez strikt geweigert Vertreter der organisierten Opposition wie Arbeitgeber, Gewerkschaften oder der katholischen Kirche zu integrieren. Misstrauisch macht Beobachter, dass Chávez in seiner Antrittsrede ankündigte, dass er die Medien zwingen wolle, "endlich objektiv" zu berichten.

Nicht klar ist ausserdem, ob Chávez noch die Kontrolle über die ihn unterstützenden Milizen, den Circulos Bolivarianos hat: Nach dem die Plünderungen und Unruhen auch am Sonntag nachmittag noch anhielten, mußte der staatliche Sender Canal 8 die organisierten Banden dazu auffordern, wieder nach Hause zu gehen.

Nach dem Scheitern des Putsches ist die Opposition angeschlagen: "Der eingesetzte Präsident Carmona hat in wenigen Stunden alles verspielt", sagt Michael Lingenthal von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Caracas, "die Idee war, eine Regierung mit einer breiten demokratischen Basis zu bilden. Das ist nicht geschehen." Doch die tiefe Spaltung der Gesellschaft und der Militärs bestehe weiterhin.

Die Dresdner Bank Lateinamerika hält weitere Putschversuche für wahrscheinlich, die wegen der Spaltung der Streitkräfte "möglicherweise zu mehr Blutvergießen führen könnten". Auch die während des Generalstreiks geschaffene Allianz zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften hat die Krise nicht überstanden.

Die Deutsch Industrie- und Handelskammer-Venezolanische verzeichnet wegen der fehlenden Sicherheit schon seit längerem keine neuen Investitionen mehr in Venezuela mehr. "Das Interesse von mittleren Unternehmen an Venezuela ist jedoch weiterhin groß", sagt Gerd Petersen, Geschäftsführer der Cavenal in Caracas, "wenn es einer Regierung hier gelänge Vertrauen herzustellen, dann könnte es hier zu einem gewaltigen Investitionsboom kommen." Im Stromsektor gibt es einen Investitionsstau in Höhe von 12 Mrd. $. Auch bei Kapitalgütern sei das Land in den letzten Jahren unterversorgt.

Die Hoffnung von Baissespekulanten und Verbrauchern am Ölmarkt, der Rücktritt des venezolanischen Präsidenten werde die Wirksamkeit der Opec schwächen und einem niedrigeren Ölpreis den Weg ebnen, war nur von kurzer Dauer. Ebenso stark wie der Preis am vergangenen Freitag nach dem Rücktritt von Chavez gefallen war, zog er gestern wieder an. Die Hoffnung, dass unter unter einer neuen Regierung die staatliche Petroleos de Venezuela ihre Förderung ohne Rücksicht auf die Venezuela zugeteilte Opec-Quote wieder steigern würde, hatten sich zerschlagen. Chavez ist dagegen ein überzeugter Befürworter der Förderdisziplin des Kartells.

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