Österliche Ruhe bleibt heilig
Interesse an längeren Handelszeiten an der Börse bleibt bestehen

Die österliche Ruhe bleibt den deutschen Aktienmärkten vorerst heilig. Von Karfreitag bis Ostermontag bleiben Parketthandel und Xetra auch in diesem Jahr geschlossen. Auch eine Verlängerung der Handelszeit von 20.00 Uhr auf 22.00 Uhr, wie noch vor einem Jahr diskutiert, steht derzeit nicht auf der Tagesordnung der Deutschen Börse.

dpa-afx FRANKFURT. Doch vor allem die Direktbanken, die ihr Geschäft ausschließlich mit den Kleinanlegern machen, drängen auf eine weitere Ausdehnung der Handelszeiten. Die Visionen reichen bis zu einem 24-Stunden-Handel, non-stop, rund um den Globus.

"Zur Zeit steht keine weitere Handelsausdehnung zur Debatte", erklärt Frank Hartmann, Pressesprecher der Deutschen Börse AG. Doch die Gewerkschaften bleiben misstrauisch. Denn was "zur Zeit" gilt, kann morgen schon überholt sein. In Stuttgart ist bereits eine Handelsverlängerung für Optionsscheine bis 22.00 Uhr "ernsthaft im Gespräch", so ein Sprecher der Regionalbörse. Düsseldorf geht sogar noch darüber hinaus. Bereits in diesem Quartal wird über das börsliche Handelssystem Quotrix ein Handel von 08.00 Uhr bis 23.00 Uhr möglich sein.

Zuletzt hatte die Deutsche Börse AG im Juni 2000 ihre börsentägliche Handelszeit bis 20.00 Uhr auf insgesamt elf Stunden verlängert. Gleichzeitig wurde der Handel an ausgewählten bisherigen Feiertagen (Pfingstmontag, Fronleichnam, Christi Himmelfahrt und Tag der Deutschen Einheit) beschlossen.

Widerstand der Gewerkschaften

Doch gegen den Feiertagshandel setzen sich die Gewerkschaften zur Wehr. "An Fronleichnam werden wir in Frankfurt sein und zusammen mit den Vertretern der Kirchen gegen den Feiertagshandel deutlich Stellung beziehen", sagt Herbert Bayer, Sprecher der Gewerschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV).

Denn anders als für die Direktbanken, die bereits heute 80 % ihrer Order online abwickeln, bedeutet jede zusätzliche Handelsstunde für die Händler auf dem Parkett und in den Handelsräumen auch eine weitere Arbeitsstunde. "Eine schleichende Normalisierung von Schicht- und Feiertagsarbeit können wir nicht einfach hinnehmen", sagt Bayer. "Die sozialen Auswirkungen werden hierbei gänzlich unterschätzt."

Kunden der Direktbanken profitieren

Profiteure der längeren Handelszeiten sind vor allem die Direktbanken und deren Privatkunden, die erst in den Abendstunden Zeit für ihr Börsenengagement finden. Sie können nun bis 20.00 Uhr aktiv am Handel teilnehmen und so auf aktuelle Nachrichten reagieren. Dieses Angebot werde auch genutzt, sagte Matthias Kröner, Sprecher der Münchener Direkt Anlage Bank. "20 % des Tagesvolumens handeln unsere Kunden nach 18.00 Uhr. Für uns bedeutet eine weitere Handelsausdehnung mehr Service für den Kunden und wäre deshalb auch zu begrüßen." An Feiertagen sei der Handel hingegen eher mau, berichtet Mathias Hajek, Sprecher der Comdirect Bank. "Die Leute haben an Feiertagen besseres zu tun, als Aktien zu handeln."

Für die Händler auf dem Parkett und in den Handelsräumen der Banken spielt der Privatanleger dagegen eher eine untergeordnete Rolle. Doch die institutionellen Investoren nutzen den verlängerten Handel bisher kaum. Carsten Hagedorn, Händler bei M.M. Warburg, fasst die Situation kurz zusammen: "Keine Liquidität, kein Umsatz. Was soll´s? Ich könnte drauf verzichten."

"London schließt nach wie vor um 17.30 Uhr. Und mit den englischen Händlern verschwindet bis zum nächsten Handelstag auch das ausländische Großkapital aus den Märkten", erklärte Frank Vogel, Händler bei Kling, Jelko, Dr. Dehmel und Partner. Für die Makler, sei deshalb ein Handel nach 17.30 Uhr wegen der höheren Kosten bei schwachen Umsätzen "ein absolutes Minusgeschäft".

Händler in Zugzwang

Der Streit erinnert an die Diskussion um die Ladenöffnungszeiten. "Ein Einzelhändler der zu einer bestimmten Uhrzeit keinen Umsatz macht, lässt seinen Laden eben zu", sagt ein Börsenhändler, der nicht genannt werden möchte. "Doch wenn ich den Handel nach 18.00 Uhr nicht mitmache, verliere ich gleichzeitig auch andere Aufträge an die Regionalbörsen, wo ebenfalls bis 20.00 Uhr gehandelt wird. Alles oder nichts gilt also auch für uns in Frankfurt."

Vor allem nach 18.00 Uhr seien die Umsätze teilweise so gering, dass ein gerechtfertigter Kurs schwer zu finden sei. "In Nebenzeiten zu handeln mag ja in Zeiten des Internets sehr 'hip' sein, ob es jedoch zum Vorteil des Kleinanlegers ist, bleibt noch dahin gestellt", sagte der Händler. Wie schon im Einzelhandel "muss man eben abwarten, ob ein gesteigertes Angebot auch gleichzeitig die Nachfrage beflügeln kann", sagte ein anderer Händler. "Denn darum geht es ja letztendlich."

Mit Blick auf die Weltbörsen in Tokio und New York wirkt die deutsche Diskussion unwirklich. Den Japanern reicht eine tägliche Handelszeit von viereinhalb Stunden bisher völlig aus. Und auch wenn man im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bereits rund um die Uhr einkaufen kann, begnügen sich die amerikanischen Wertpapierhändler mit sechseinhalb Stunden Tageshandel. Auch scheint niemand einen Feiertagshandel wirklich ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

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