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Österreich beklagt Scherbenhaufen in der Europapolitik

Auch wenn die österreichische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) ihre Diplomaten aufgefordert hat, nicht über den schlechten Ruf ihres Landes im Ausland verbittert und verzagt zu sein: "Wir stehen vor einem außenpolitischen Scherbenhaufen", räumten diplomatische Kreise in Wien ein.

dpa WIEN. "Das Verhältnis zwischen Österreich und der EU ist derart zerrüttet, dass es, von Null beginnend, wieder aufgebaut werden muss", meinten die Zeitungen am Mittwoch übereinstimmend. Besonders groß aber ist die Enttäuschung über Deutschland, mit dem das Land wirtschaftlich, politisch, kulturell und historisch eng verbunden ist.

Der französische Präsident Jacques Chirac, der in Österreich als Erfinder der jetzt aufgehobenen Sanktionen gilt und zum "Lieblingsfeind" aufgestiegen war, habe sich nur mit deutscher Hilfe "als europäischer Oberbefehlshaber aufschwingen können", schimpfte die "Kronenzeitung", das mit Abstand größte Blatt im Lande. Chirac habe "in dem deutschen Bundeskanzler Schröder einen ihm blindlings ergebenen Ordonanzoffizier" gefunden.

Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) bemühte gar ein geschichtliches Trauma gegenüber den Deutschen. Selbst nach der Niederlage Habsburgs gegen Preußen bei Königsgrätz im Jahre 1866 sei Wien von Berlin nicht so schlecht behandelt worden wie in den letzten Monaten. Besonders betroffen zeigte er sich über Außenminister Joschka Fischer, der im Bundestag eine offizielle Entschuldigung barsch zurückgewiesen hatte. Ein sorgsamer Umgang mit den Worten sei wohl angebracht gewesen, formulierte Schüssel vorsichtig kritisch.

Mit Wehmut wird an Helmut Kohl erinnert, der als "enger Freund Österreichs" galt. Dessen Dutzende Urlaube am Wolfgangsee und im Gasteiner Tal seien "auch ein Zeichen der Verbundenheit", berichtete der österreichische Rundfunk (ORF). Mit großer Genugtuung wurde der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) zitiert, der erst in der letzten Woche trotz der EU-Sanktionen in der letzten Woche demonstrativ Wien besucht hatte. Ihn treibe "die Sorge, dass das deutsch-österreichische Verhältnis sehr schwer belastet ist".

Auch wenn Österreich wieder in den Schoß der EU zurückgekehrt ist, werde es auf Jahre das politische Schmuddelkind bleiben, erwarten die meisten Politikexperten. Die Kontakte würden auf das offizielle Mindestmaß reduziert. "Die Teilnahme an der politischen Kür - das vertrauliche Gespräch, die Einladung zu informellen Runden, die Vorbesprechung heikler Probleme im kleinen Kreis - wird (Österreich) weiterhin verwehrt bleiben", mutmaßen die "Salzburger Nachrichten".

Obwohl Österreich in den letzten Jahren nicht müde wurde, sich als Brücke und Schaltstelle zwischen Osteuropa und der EU anzupreisen, steht das Land auch bei seinen östlichen Nachbarn im Abseits. Mit Tschechien und der Slowakei gibt es Zerwürfnisse wegen der verlangten Aufhebung der Enteignungen Deutscher nach dem Krieg und des südböhmischen Kernkraftwerks Temelin. Zu Slowenien sind die Beziehungen gespannt, seitdem Schüssel das dortige Staatsoberhaupt als noch nicht ganz geläuterten Kommunisten bezeichnet hatte.

"Das außenpolitische Fiasko ist perfekt. Es ist eigentlich das Ende der österreichischen Außenpolitik", analysierte das Magazin "profil" . "Der Außenfeind dieser Regierung und damit Österreichs ist mittlerweile sowieso Europa", beklagte Armin Thurnher in dem Wiener Szeneblatt "Falter". "Dieses haarige Bergland Österreich, das jeden Konflikt zwischen Schuld und Unschuld stets durch Verdrängung zu lösen pflegt, damit es sich unschuldig stellen und fühlen kann, verdrängt seine europäische Lage".

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