„Offene Architektur“ noch nicht richtig in Europa angekommen
Beim Fondskauf müssen Anleger selbst vergleichen

Seit Mitte der neunziger Jahre bieten eine Reihe europäischer Banken und Versicherer neben ihren eigenen Fonds auch Fremdprodukte an. Sie wollten sich damit dem amerikanischen Modell der "offenen Architektur" annähern, das den Investoren mehr Auswahl und einen besseren Zugang zu Spitzen-Fonds bietet. Jetzt heißt es für die Anleger allerdings: Aufgepasst!

NEW YORK. Aus einem Bericht der Londoner Forschungsgruppe Sector Analysis, der dem "Wall Street Journal" exklusiv vorliegt, geht hervor, dass europäische Banken eher ihre hauseigenen Fonds anpreisen werden - und zwar egal, wie sie sich entwickeln. Die Studie, in der 930 Finanzinstitute in zehn europäischen Ländern befragt wurden, zeigt, dass die Praxis der "offenen Architektur" 2003 zum ersten Mal seit drei Jahren eine rückläufige Tendenz zeigt.

Bezüglich des verwalteten Vermögens ist der Anteil der angebotenen Fremdfonds im ersten Quartal 2003 auf zwölf Prozent nach 14 Prozent im Vorjahr gefallen. Im ersten Quartal 2000 hatte der Anteil an Fremdfonds bei sechs Prozent gelegen und war seither stetig gestiegen. Das Volumen externer Fonds sank im ersten Quartal 2003 binnen Jahresfrist um 18 Prozent auf 981 Mrd Euro nach zuvor 1,2 Bill. Euro.

Fremdfonds stehen laut dem Bericht also nicht mehr so stark in der Gunst der Anleger als noch vor einem Jahr. Aber nicht nur, weil der Kursverfall an den Börsen dazu geführt hat, dass das Kapital aus Fonds in bankeigene Absicherungsprodukte geflossen ist. Im derzeitigen angespannten Umfeld hätten einige Banken Druck auf ihre Mitarbeiter ausgeübt, nur hauseigene Fonds zu verkaufen, um so die Rentabilität zu steigern, sagt Magnus Spence, Chef der Research-Gruppe und Autor der Studie. "Einige Institute erwecken vielleicht weiterhin den Anschein, sie würden eine Vielzahl von Fremdfonds anbieten, indem sie Produkte von 30 oder 40 Gesellschaften anbieten. Hinter den Kulissen wird den Mitarbeitern aber gesagt: ,Um Himmels Willen, verkaufen Sie keinen Fidelity-Fonds. Verkaufen Sie einen aus unserem Haus?."

Auch sonst ist die "offene Architektur" noch nicht richtig in Europa angekommen. Der Verkauf externer Fonds zusammen mit hauseigenen Produkten verlaufe langsamer als erwartet, sagt ein Branchenbeobachter. Im Durchschnitt werden in Europa nur rund 13 bankfremde Anbieter ins Programm genommen - gegenüber acht im Jahr 2000. Dabei wird die Nachahmung des US-Modells in Europa als überaus wichtig erachtet. "Wenn die offene Architektur permanent kränkelt, werden viele Fondshäuser ihre Wachstumsstrategien für Europa gründlich überarbeiten", heißt es in der Branchenanalyse. "Sie sind darauf angewiesen, dass sie ihre Produkte über Dritte verkaufen können."

Dabei bleibt den Banken eigentlich keine große Wahl. "Es setzt sich immer mehr die Überzeugung durch, dass man dem Kunden unabhängigen Rat zuteil werden lassen muss. Und jeder weiß, dass dabei die eigenen Produkte nicht unbedingt die besten sind", sagt ein Analyst. Der Anleger sollte sich also vergewissern, ob ihm bei der Kaufentscheidung die gesamte, bei der Bank erhältliche Palette an Fonds vorgestellt worden ist. Zudem sollte er einen Vergleich einfordern, wie sich der Fonds im Hinblick auf die jeweilige Benchmark entwickelt hat.

Wenn es denn doch eine Bankempfehlung gibt, sollte sich der Anleger bewusst sein, dass dies die Entscheidung zwar leichter macht. Er sollte sich dabei aber die zur Verfügung stehenden Fonds und die Auswahlkriterien genau anschauen.

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