Offenheit gegenüber Aktionären ist keine Stärke der Europa AG
Kein Geld für das Wachstum

Es hätte so schön sein können: Europas Unternehmenslenker hatten Pläne geschmiedet für ein Jahr des Wachstums und der Expansion: Auf dem Heimatmarkt die Führungsposition sichern, dann in den geeinten Euro-Markt wachsen. Und danach - wer weiß?

Doch die Umsatzzahlen in den ersten Monaten des Jahres 2001 holten die Chefs der Europa AG's zurück in die Realität. Monat um Monat sanken die Umsätze, und das lässt nur einen Weg offen: Statt zu expandieren, müssen die Konzerne in diesem Jahr den Gürtel enger schnallen.

Beispiel Siemens: Der Elektronikkonzern setzte noch im Herbst vergangenen Jahres darauf, dass sich der Boom des vergangenen Jahres in der Technologiebranche und bei den Handys fortsetzen würde. Insgesamt 48 Millionen Mobiltelefone wollte Siemens im Jahr 2001 verkaufen. In seinem deutschen Werk stellte das Unternehmen zusätzliche Mitarbeiter ein, um die vermeintlich hohe Nachfrage befriedigen zu können. Doch der Boom blieb aus. Nun muß Siemens die Produktion zurückfahren. Bis Anfang Mai hat der Elektronikkonzern 8 100 Stellen gestrichen.

Siemens ist nicht das einzige europäische Unternehmen, das auf das falsche Pferd gesetzt hat. Ob beim französischen Autoproduzenten Renault oder beim deutschen Online-Broker Consors, überall hört man denselben lakonischen Spruch: "So viel zum Thema Boom."

Europas Unternehmen trifft diese Entwicklung zu einem schwierigen Zeitpunkt: Gerade jetzt, da die Firmen wachsen und Europas Märkte erobern müssen, brechen die Umsätze ein. Damit sind sie der Mittel beraubt, die sie benötigen, um das Wachstum zu finanzieren.

Mit der Euro-Einführung rückt Europa ins Visier der US-Konzerne

Mit der Einführung der Euro-Noten im Januar 2002 rückt eben dieser Markt dem wirklichen Wettbewerb über Grenzen hinweg wieder einen Schritt näher. Viele Unternehmen auf unserer Euro-500-Liste müssen sich erst noch eine dominante Position in Europa erkämpfen - und zwar bevor US-Konkurrenten beginnen, ihnen die Kunden in Euroland wegzuschnappen. Denn wenn in wenig mehr als sechs Monaten aus der Finanzmarkt-Währung Euro eine Zahlungsmittel fürs Volk wird, wird Euroland mit seinen 300 Millionen Käufern wieder ins Visier der US-Konzerne rücken.

Aber europäische Unternehmen haben noch andere Sorgen als nur die Konkurrenz aus Übersee. Die Einführung der einheitlichen Währung wird zu einem nie dagewesenen Preiskampf in Euroland führen. Zwar wird sich an den Preisunterschieden für die Dinge des täglichen Lebens - etwa für Milch und Brot - kaum etwas ändern. Aber bei den Preisen für langlebige Konsumgüter und Investitionsgüter werden die Differenzen nicht lange bestehen bleiben. Verbraucher vergleichen Preise, bevor sie Autos, Haushaltgeräte oder Stereoanlagen kaufen. Die Folge: Die Unternehmen werden auf die Margen verzichten müssen, die sie der puren Existenz von Franc, D-Mark und Lira verdanken.

Aktionäre sind dumm und frech

Eine noch größere Herausforderung steht den Firmenlenkern von Seiten ihrer eigentlichen Chefs ins Haus: von den Aktionären. "Der Aktionär ist dumm und frech", urteilte der Berliner Bankier Paul Lichtenberg einst. "Dumm, weil er Aktien kauft, und frech, weil er eine Dividende erwartet."

Das Verhalten von Aktionären auf dem Kontinent passte lange in dieses Klischee. Nur wenige private Investoren hielten überhaupt Aktien. Die Mehrheit der Anteile lag dagegen im Besitz anderer Firmen - ein kompliziertes Netz wechselseitiger Beteiligungen. In dieser trauten Atmosphäre beschwerte sich niemand über das Verhalten der Manager, geschweige denn über ihre Leistungen.

Das hat sich geändert, seit institutionelle Investoren aus den USA wie der Pensionsfonds der kalifornischen Staatsangestellten, Calper, begonnen haben, bei den Unternehmen der Europa AG zu investieren.

Heutzutage fordert auch die wachsende Zahl europäischer Investmentfonds Transparenz, faire Behandlung und vor allem Leistung. Und sie fordern es öffentlich. Christian Strenger war einer der ersten Fondsmanager, die bei den Hauptversammlungen der deutschen Konzerne - etwa bei Daimler-Benz, Siemens und BMW - unangenehme Fragen stellten. Damals war er noch Chef des Investmentfonds DWS, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. Er gab die Topposition bei dem Fonds 1999 auf. Der Grund: Differenzen über die Strategie. Seit er gegangen ist, hat kein DWS-Vertreter mehr so öffentlich unbequeme Fragen gestellt. Dafür sind andere eingesprungen. Erst kürzlich hat der mächtige Fondsmanger Union Investment, der 60 Mrd. Euro verwaltet, begonnen, die Sündenböcke zu nennen. Klangvolle Namen füllen die Liste: die deutschen Konzerne Volkswagen und Deutsche Telekom, der italienische Energiekonzern Enel, das spanische Energiekonglomerat Endesa und der niederländische Telekomkonzern KPN.

Es ist keineswegs ungewöhnlich für Fondsmanager, eine Liste von Unternehmen mit unterdurchschnittlicher Performance zu führen. Allerdings dienten sie bisher meist nur als quasi internes Druckmittel bei vertraulichen Gesrächen mit den Firmenchefs. Wenn die Fondsmanager aber selbst Druck von Seiten ihrer Investoren erhalten, könnten sie solche Listen schwarzer Schafe auch an die Öffentlichkeit geben.

Viele Vorstände in Europa agieren immer noch, als gehörte ihnen das Unternehmen, das sie lediglich auf Zeit leiten. Aber ob sie wollen oder nicht: Sie müssen lernen, ihre Aktionäre zu respektieren.

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