Offshoring: Auch viele deutsche Firmen sind dabei
Die Werkbank der IT-Industrie steht in Indien

Siemens tut es. Die Deutsche Bank tut es. SAP, die Lufthansa und Daimler-Chrysler tun es auch: Sie verlagern Arbeit nach Indien. Unter den 230 internationalen Konzernen, die in den vergangenen drei Jahren alleine in Bangalore neue Töchter eröffnet haben, finden sich viele deutsche.

BANGALORE. SAP hat in der südindischen Boomstadt inzwischen ihr größtes Entwicklungszentrum außerhalb von Walldorf und will die Zahl seiner Mitarbeiter dort verdoppeln. Siemens beschäftigt mit 3000 Mann ein Zehntel seiner weltweiten Mitarbeiter im Softwarebereich in Indien. "Das wird sicher weiter wachsen", sagt Länderchef Jürgen Schubert. Doch außerhalb der Softwarebranche, wo die Verlagerung von Jobs unübersehbar ist, reden viele Manager deutscher Großkonzerne über Offshoring nur hinter vorgehaltener Hand - als gingen sie fremd.

Andere spielen den Trend herunter. "Outsourcing wird für uns nicht so wichtig werden wie für viele Wettbewerber", sagt Gunit Chadha, Indien-CEO der Deutschen Bank. Diese hat in Bangalore ein Pilotprojekt gestartet, das elektronischen Zahlungsverkehr weltweit abwickeln hilft und betreibt daneben ein Joint-Venture für IT-Dienstleistungen mit 1000 Mitarbeitern. "Die Kostenvorteile sind real", berichtet Chadha, die Qualität entspreche globalen Standards. Langfristig werde die Bank Offshoring deshalb ausbauen - aber "in ihrem eigenen Tempo". Angelsächsische Konkurrenten sind viel aggressiver. HSBC will 4000 Jobs nach Asien verlagern. Die Citibank hat bereits 4300 Mitarbeiter alleine in Indien. Und J.P. Morgan Chase transferiert inzwischen nicht nur Call-Center und Backofficearbeit im großen Stil nach Indien, sondern auch Research. Die Bank will ihre Offshore-Jobs in dem Land von 1200 auf 5000 hochfahren.

"Offshoring hat bei uns noch nicht in dem Masse stattgefunden wie bei Konkurrenten", berichtet auch Werner Zedelius, im Vorstand der Allianz AG für Emerging Markets zuständig. Er erwartete nicht, dass sich das in den kommenden zwei bis drei Jahren ändert. Im Allianzkonzern hat erst die britische Tochter Cornhill eine kleine Offshore-Tochter in Indien eröffnet. Britische und amerikanische Versicherer lagern tausende IT- und Verwaltungsjobs dorthin aus. Wegen der Sprache sei das für angelsächsische Konzerne leichter, erklärt Zedelius. "Unsere deutschen Kunden wollen weiter auf Deutsch bedient werden", sagt er.

Lange können deutsche Konzerne nicht tatenlos zusehen, wie Wettbewerber Kosten senken. Ihre Büroangestellten sind inzwischen dem selben globalen Wettbewerb ausgesetzt wie Fließbandarbeiter. Die Berater von A.T.Kearney erwarten, dass der Offshoring-Trend auch Finanzkonzerne in Deutschland, Österreich und der Schweiz bald erfasst. Bis 2008 würden Banken und Versicherungen aus diesen Ländern fünf Mrd. Euro oder 2 % ihrer Betriebskosten eliminieren, indem sie 100.000 Jobs in Billiglohnländer verlagern. Auch wenn deutsche Konzerne dabei stark nach Osteuropa blicken, kommen sie an Indiens größerem Talentpool und seinen niedrigeren Kosten nicht vorbei. Auf das Land entfällt im IT- und Backoffice-Bereich rund ein Drittel aller Outsourcing-Aktivitäten, schätzen Analysten.

"In Deutschland hat Offshoring noch gar nicht richtig angefangen," meint Rob van Dommelen, Deutschland-Chef des indischen IT-Dienstleisters Infosys. Aber er sieht Anzeichen für eine Trendwende: "Ab 2005 geht es auch in Deutschland richtig los", sagt er. Für die Deutsche Bank wickelt Infosys gerade ein 25-Millionen-Euro-Projekt ab, bei dem das Institut van Dommelen zufolge die Kosten um 25 % senkt. Solche Argumente überzeugen: Auch die Dresdner Bank, Daimler-Chrysler, BMW, Adidas, die Deutsche Post und Porsche sind bereits seine Kunden.

Quelle: Handelsblatt Nr. 055 vom 18.03.04 Seite 20

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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