Oftmals auf verschlungen Wegen
Antiquitäten kehren ins Irak-Museum zurück

Drei Wochen nach der Plünderung des irakischen Nationalmuseums in Bagdad sind rund 650 Kunstwerke aus der Sammlung wieder aufgetaucht.

HB/dpa BAGDAD/LONDON. Dazu gehört auch ein 7000 Jahre altes, fast unbeschädigtes rotbraunes Tongefäß mit schwarzer Bemalung. In einem kleinen Karton ohne Deckel steht das wertvolle Stück, das unter normalen Umständen in einer Sicherheitsvitrine verwahrt würde, nun zusammen mit kleinen Statuen und Rollsiegeln auf einem Tisch in einer von amerikanischen Soldaten bewachten Kammer neben dem Museum.

Einige der nun wieder aufgetauchten Antiquitäten wurden von reumütigen Dieben zurückgebracht, andere fanden auf verschlungenen Wegen in das Museum zurück. So kaufte ein spanischer Journalist auf einem Markt in Bagdad vor einigen Tagen eine antike Schrifttafel aus Babylon und gab sie anschließend im Museum ab. Irakische Hilfssoldaten der US-Armee stoppten bei Kut südlich von Bagdad zwei Männer mit einem Lieferwagen. Die Iraker hatten eine Metallkiste des Museums mit 465 kleinen Schrifttafeln und zylinderförmigen Siegeln bei sich. Wie die für die Suche nach den Kunstgegenständen verantwortliche Spezialeinheit des US-Zentralkommandos im Museum in Bagdad mitteilte, brachte ein Iraker am Dienstag rund 30 Antiquitäten zurück, darunter Keilschrift-Tafeln und die etwa 15 Zentimeter hohe Statue eines Königs.

Der Spezialeinheit gehören unter anderem US-Zollbeamte und Geheimdienstmitarbeiter von CIA und FBI an. Die Amerikaner haben jedem Straffreiheit zugesichert, der geraubte Kunstgegenstände aus irakischen Museen zurückgibt. "Wir fragen auch nicht nach der Identität desjenigen, der etwas zurückbringt", sagt Oberst Matthew Bogdanos von der US-Marineinfanterie.

Unklarheit herrscht nach wie vor über die Zahl und den Wert der bei der Plünderung in Bagdad verschwundenen Altertümer und den Verbleib der Ausstellungsstücke, die von der Museumsverwaltung angeblich vor Kriegsbeginn aus Sicherheitsgründen in einen Tunnel unter der irakischen Zentralbank gebracht worden waren. "Was genau dort hingebracht wurde, welcher Tunnel das ist, welche Tür wir öffnen müssen und mit welchem Zahlencode, das hat uns die Museumsleitung bislang noch nicht mitgeteilt", sagt Bogdanos mit mühsam unterdrücktem Ärger. Ohne die mangelnde Kooperation der Beamten offen zu kritisieren, sagt er, in den vergangenen acht Tagen sei es den Museumsbeamten gelungen, gerade einmal 25 fehlende Stücke zu identifizieren.

Bogdanos beschuldigt niemanden, doch die Gerüchte, wonach die Museumsmitarbeiter Hand in Hand mit der Führungsspitze des Regimes von Saddam Hussein in den vergangenen Wochen Teile des Museumsbesitzes für sich bei Seite geschafft haben sollen, kann er nicht aus der Welt räumen. Während er rechts neben dem Museumseingang erfreut über die Rückkehr der ersten Antiquitäten ins Museum berichtet, rauscht ein Mann mit langem schlohweißen Haar an ihm vorbei - der Direktor des Saddam-Kunstzentrums. Begleitet wird er von einem hochrangigen Beamten des Kulturministeriums, der in seiner Freizeit bis vor kurzem noch Lobesgedichte auf den "großartigen Führer" verfasste.

Der Direktor des Nationalmuseums, Dschabir Mohammed Chalil, dessen Entsetzen über die Plünderung echt wirkt, bleibt in seinen Ausführungen etwas vage. Nein, er wisse immer noch nicht, ob nun zehn Prozent oder 60 Prozent der Sammlung verschwunden seien. "Erst seit gestern haben wir dank eines Stromgenerators Licht im Museum, so dass wir beginnen können, alles zu erfassen", sagt er.

Fest stehe bislang nur, dass bei dem Kunstraub eine "hinterhältige Hand" mit im Spiel gewesen sei, "jemand, der genau den Wert der einzelnen Objekte gekannt hat", erklärt Chalil. Seine rechte Hand, ein hochrangiges Mitglied der Baath-Partei von Saddam Hussein, vertritt die These, europäische Kunsthändler hätten Kriminelle im Irak mit dem Diebstahl bestimmter Stücke beauftragt.

Auch ein führender britischer Archäologe äußerte am Dienstag die Meinung, dass die Museen im Irak möglicherweise auch "im Auftrag internationaler Kunstsammler" geplündert worden seien. Peter Stone von der Universität Newcastle sagte, er habe zwar keine Beweise für seine Behauptung, dass Objekte für den "illegalen Handel" gestohlen worden, aber es ihn nicht überraschen, "wenn internationale Kunsthändler ihre Hand im Spiel hätten".

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