Ohne Adtranz kann der kanadische Verkehrstechnikkonzern nicht weltweit die Nummer eins sein: Bombardiers steiniger Weg an die Spitze

Ohne Adtranz kann der kanadische Verkehrstechnikkonzern nicht weltweit die Nummer eins sein
Bombardiers steiniger Weg an die Spitze

Der Weg an die Weltspitze der Bahntechnikfirmen ist für den kanadischen Multi-Konzern Bombardier vermutlich weit steiniger ausgefallen, als es sich das Management vorgestellt hatte. Mit ihren letzten beiden Erwerbungen in Deutschland haben die Kanadier jedenfalls keine rechte Freude. Das hat sicherlich mit der Größe der beiden Akquisitionen zu tun: Der Kauf der zur DWA zusammengefassten DDR-Waggonbaukombinate war schon ein großer Happen, die Übernahme von Adtranz aus dem Daimler-Chrysler-Konzern ein noch größerer.

HB. Auf die Größe haben sich die Strategen von Bombardier Transportation gewiss eingestellt. Was sie aber unterschätzt haben dürften, waren die ganz speziellen Probleme, die sie sich an Land gezogen haben. Zunächst einmal das deutsch-deutsche Problem. Für Restrukturierungs-Notwendigkeiten gelten im politisch hoch sensiblen Umfeld Ostdeutschlands zweifellos besondere Maßstäbe. Das Bild vom Kanzler, der sich im Bombardier-Werk Ammendorf als Retter feiern ließ, ist noch gegenwärtig.

Und dann auch noch Adtranz: Was sich den Kanadiern möglicherweise als aufstrebende Weltfirma - Slogan: "We speak railways" - darstellte, ist ein Koloss auf einem Fundament noch nicht bereinigter Altlasten. Ein zusammengewürfeltes Unternehmen, das zum Zeitpunkt des Übergangs an Bombardier noch meilenweit davon entfernt war, nur schon mal seine beiden hauptsächlichen Herkunftslinien - die AEG Bahntechnik einerseits, die ABB-Henschel-Verkehrstechnik andererseits - zu einer Einheit zusammenzuführen. Und nach der Wende war zu allem Überfluss auch noch ein ehemaliges DDR- Kombinat hinzugekommen: das frühere AEG-Werk in Hennigsdorf.

Ein weiterer Punkt ist der totale Umbruch beim noch auf lange Zeit wichtigsten Kunden der Bahnindustrie: Die Reform der Deutschen Bahn hat die Branche völlig unvorbereitet getroffen. Praktisch von heute auf morgen musste die Industrie die gesamte Entwicklungsarbeit für neue Fahrzeuge in eigener Regie übernehmen - was zuvor die Bahn-Zentralämter bis zur buchstäblichen letzten Schraube gemacht hatten. Und nach jahrelanger Durststrecke sollte die Industrie plötzlich Fahrzeugserien in zuvor ungeahnten Stückzahlen liefern.

Von den daraus resultierenden Problemen hat sich die Branche bis heute nicht vollständig erholt. Die Pleiten, die die Bahn derzeit mit der von Siemens gebauten Diesel-Variante des Neigetechnik-ICE erlebt, zeigen das nur deutlich. Begonnen hatte dies aber in der Adtranz-Ära. Oft beschrieben worden sind Pleiten, Pech und Pannen des Neigetechnik-Regionalzuges VT 611. Nachbesserungen, Rückrufaktionen, Vertragsstrafen - das alles kostete und kostet immer noch viel Geld.

In diesem Umfeld erscheint es durchaus denkbar, dass zwei Großkonzerne wie Bombardier und Daimler-Chrysler in der Bewertung von Risiken und Chancen zu unterschiedlichen Auffassungen kommen. Und auch, dass bei genauerem Hinsehen dann Positionen auftauchen, die man vorher nicht oder so nicht gesehen hat. Oder auch nicht sehen konnte: So erinnert sich ein Beteiligter, dass Daimler-Chrysler für Bombardier eine Power-Point-Präsentation zu den Adtranz-Zahlen vorgelegt hatte, "die fast so schnell wie ein Film ablief".

Berichtet wird auch, dass Bombardier die Bilanz zur Ermittlung des endgültigen Kaufpreises nicht fristgerecht vorlegte, weil die von Daimler-Chrysler mit der Testierung beauftragen Wirtschaftsprüfer überraschend kurz vor Toreschluss einen umfassenden Fragen- Katalog präsentiert und damit die Kanadier überfordert hatten.

Wie so oft wird die Milliarden-Schadensersatzforderung nicht das letzte Wort sein. Sicher erscheint auch, dass Bombardier das Geschäft nicht rückgängig machen will. Denn Adtranz hat ja durchaus auch Charme: ein fettes Auftragspolster und eine erstklassige Lokomotiv-Schmiede, auf die die Kanadier nicht verzichten können, wenn sie Spitze in der Bahntechnik bleiben wollen

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