Ohne Boom in USA dürfte auch Hausse in Europa ausbleiben
Teure US-Aktien verhindern Aufschwung

Trotz Baisse sind US-Aktien immer noch teuer. Deshalb dürften die Kurse an der Weltleitbörse in New York nach Expertenansicht vorerst kaum steigen. Und das wiederum ist schlecht für europäische Aktien. Denn die sind mittlerweile zwar günstig bewertet. Doch ohne Boom in den USA dürfte auch die Hausse in Europa ausbleiben.

FRANKFURT/M. Gemessen an traditionellen Kennziffern sind US-Aktien doppelt so teuer wie im langfristigen Vergleich. Das durchschnittliche Kurs- Gewinn-Verhältnis (KGV) der 500 US-Standardwerte liegt bei 27. Nur im Boom zwischen 1998 und 2002 war der Wert höher. Der Schnitt seit 1960 beträgt 15,5. Zwar weisen die Technischen Analysten der Bayerischen Landesbank (BayernLB) nach, dass sich amerikanische Aktien auch billig rechnen lassen - wenn man die Dividendenrendite mit der derzeit niedrigen Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen in Beziehung setzt. Doch als herrschende Meinung gilt: "Ganz gleich, welche Bewertungskennzahlen man heranzieht - nach allen Maßstäben sind US-Aktien höher bewertet als im langfristigen Durchschnitt und wesentlich teurer als europäische, insbesondere deutsche Aktien", sagt Eberhard Weinberger von der Vermögensverwaltung Dr. Jens Ehrhardt Kapital.

Auch Thomas Radinger, Manager des Fonds Top-Welt von Activest, sieht US-Werte verglichen mit europäischen Aktien als "erheblich teurer" an. Daher verspreche der US-Markt deutlich niedrigere Kursgewinne als Europas Aktien. Radinger sieht zudem noch Verzerrungen durch die Gewinnermittlung bei US-Werten: "Es gibt Methoden, bei denen Aktienoptionsprogramme und Pensionsverpflichtungen einbezogen werden." Dann fallen laut Radinger die Gewinne im Schnitt um knapp ein Viertel niedriger aus. Die KGV stiegen entsprechend - und US-Aktien wären noch teuer. "Die Bewertung des Gesamtmarkts ist für einen Einstieg in jedem Fall zu hoch", warnt Radinger Investoren. Zudem spreche das Währungsrisiko gegen Investments in US-Aktien. Denn die meisten Währungsexperten erwarten weitere Kursverluste des Dollars, was die Renditen für ausländische Anleger schmälern würde.

Klaus Schrüfer, Chefanlagestratege der SEB, sieht für die europäischen Märkte, auch wegen des stärkeren Rückgangs in der Baisse, grundsätzlich mehr Potenzial als für die US-Märkte. Den Deutschen Aktienindex (Dax) etwa erwartet er zum Jahresende bei 3 200 Punkten. "Auch die höheren Dividendenrenditen als in den USA und die Tatsache, dass US-Investoren in Deutschland unterinvestiert sind", sprechen gegen US-Aktien und für den Dax", sagt Schrüfer. Derzeit hätten Amerikaner nur rund 3 % ihres Vermögens in Deutschland investiert. Im langfristigen Durchschnitt sei die Quote etwa doppelt so hoch. Somit dürfte mittelfristig wieder mehr Kapital aus den USA an die deutschen Märkte kommen.

Allerdings glauben die Experten, dass sich die europäischen Indizes, insbesondere der deutsche Aktienmarkt, nur kurz von der Entwicklung in den USA abkoppeln könnten. "In den Vergangenheit ist dies einige Male für Zeiträume von bis zu 15 Monaten gelungen", sagt Radinger. Die Chancen europäischer Aktien, kurz auch bei sinkenden oder stagnierenden US-Börsen zuzulegen, sieht er als gut an: Zum einen gebe es in Europa - mit Ausnahme von Großbritannien - keine so ausgeprägten Pensionsverpflichtungen wie in den USA. Und im Vergleich zu US-Aktien befinde sich die Bewertung europäischer Werte auf einem Zehn-Jahres-Tief. "Diese Bewertungsschere wird sich langfristig schließen", erwartet Radinger. Das erwartet auch Weinberger. Er argumentiert, aus Japan werden verstärkt Anlegergeld nach Europa umgeschichtet. Dies spreche für eine kurze Abkoppelung Europas von den US-Märkten. Jedoch mag sich kein Experte festlegen, auf welche Weise sich die Bewertungsschere schließen wird. Sinken die US-Börsen bei steigenden europäischen Indizes, oder kommt es bei stagnierenden Kursen in Europa zu einem schleichenden Verfall der US-Kurse?

Die Experten schließen jedenfalls aus, dass sich in Europa eine Hausse ohne einen Boom in den USA halten kann. "Für einen dauerhaften Aufschwung sind steigende Kurse in den USA unerlässlich", sagt Anlagestratege Schrüfer.

Die aber dürften nach Lage der Dinge ausbleiben. "Von den US-Leitindizes sind kaum positive Impulse zu erwarten", schreiben die Analysten von Helaba Trust. Auch charttechnisch sehen Analysten keine positiven Signale aus den USA: "Seit Juli 2002 pendeln die Börsenbarometer unter breiten Schwankungen seitwärts", schreiben die technischen Analysten der BayernLB. Die obere Begrenzung liegt beim Dow-Jones-Index bei 9 090 Punkten, beim S&P-500-Index bei 967 und beim Nasdaq-Index bei 1 500 Zählern. Die langfristige Charttechnik würde sich erst verbessern, wenn diese Kurslinien nach oben durchbrochen würden. Solange das nicht geschehe, bleibe es bei einem "Tradingmarkt innerhalb klar definierter Grenzen".

Zudem zeigt das Beispiel Japan, dass ein vermeintlich billiger Aktienmarkt "durchaus noch deutlich billiger werden" kann, wie die Technikexperten der BayernLB schreiben. In Japan werfen Staatsanleihen schon lange "historisch" wenig mehr Rendite ab als die Aktien Dividendenrenditen. Dennoch sinkt der Nikkei-Index von einem 20-Jahres-Tief zum nächsten. Vermögensverwalter Weinberger schließt eine ähnlich deprimierende Entwicklung für den amerikanischen Aktienmarkt nicht aus.

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