„Ohne Furcht oder Bevorzugung“
Neuer Chefredakteur will Wunden heilen

Zwei Monate nachdem bei der "New York Times" ein Fälschungsskandal bekannt wurde, hat die führende US-Tageszeitung einen neuen Chefredakteur bekommen. Der 54-jährige Journalist Bill Keller wurde von Herausgeber Arthur Sulzberger Jr. mit Wirkung vom 30. Juli in das Amt berufen, wie die Zeitung in ihrer Dienstag- Ausgabe berichtete. Sein Vorgänger war Anfang Juni zurückgetreten.

dpa NEW YORK. Keller war zuletzt Kolumnist der "New York Times" sowie Chefreporter ihres Wochenendmagazins und davor stellvertretender Chefredakteur, Leiter der außenpolitischen Abteilung, Bürochef in Johannesburg und in Moskau und Korrespondent in Washington gewesen. Für seine Berichterstattung aus der Sowjetunion, darunter für Reportagen nach einem Erdbeben in Armenien, bei dem tausende Menschen ums Leben kamen, war er 1989 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden.

Keller tritt an die Stelle von Howell Raines (60), der seinen Posten als Konsequenz aus dem Fälschungsskandal aufgab. Die "New York Times" - eine der angesehensten Zeitungen der Welt - gestand Mitte Mai öffentlich ein, dass einer ihrer Reporter über Jahre hinweg für Dutzende von Artikeln Schilderungen und angebliche Fakten erfunden hatte. Der 27-jährige Afroamerikaner Jayson Blair war zuvor trotz zahlreicher Kritiken und Hinweise auf mögliche Betrügereien sogar noch befördert und mit zunehmend wichtigeren Themen betraut worden. Nach der Aufdeckung des Skandals hatte die Zeitung sämtliche Betrügereien Blairs in 36 seiner Artikel offenbart und dokumentiert.

Der neue Chefredakteur erklärte bei einer Belegschaftsversammlung am Montag, er werde alles in seinen Kräften Stehende tun, um die hohen Standards und die Integrität der "New York Times" zu wahren, die rund 1 200 Journalisten beschäftigt. Keller sagte unter Anspielung auf den autoritären Leitungsstil seines Vorgängers, das alte "Times"- Motto - "ohne Furcht oder Bevorzugung" - gelte nicht nur für die journalistische Berichterstattung, sondern auch für die Redaktion selbst. Er fühle sich geehrt, "die beste Ansammlung von Journalisten der Welt" leiten zu können. Mit Blick auf den Konkurrenzdruck in den Medien warnte er davor, den Journalismus "als endlose Kampfmission" zu betrachten.

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