Ohne Zustimmung der USA
Türkei will in den Irak einmarschieren

Rund 1000 türkische Soldaten sind in der Nacht zum Samstag in den Norden des Irak einmarschiert. Dies berichtete das türkische Fernsehen.

HB/rtr ANKARA. Zuvor hatte Außenminister Abdullah Gül den Einmarsch in den Nord-Irak angekündigt, um ein Eindringen von Flüchtlingen über die irakisch-türkische Grenze zu verhindern. Einen Zeitpunkt nannte er am Freitag in Ankara nicht.

Die Türkei hatte den USA für den Krieg gegen Irak Überflugrechte eingeräumt. Gül sagte, türkische Einheiten würden auch in das Kurdengebiet im Norden Iraks einrücken, um "terroristischen Aktivitäten" vorzubeugen. Er fügte hinzu, die Türkei habe keine territorialen Interessen in Irak. Ein US-Regierungssprecher erklärte, die USA hätten dem Einrücken türkischer Truppen in Nord-Irak nicht zugestimmt, es werde noch darüber beraten. Im Südosten der Türkei im Grenzgebiet zu Irak lebt eine starke kurdische Minderheit.

"In Nord-Irak ist ein Vakuum entstanden, und dieses Vakuum ist praktisch zu einem Lager für terroristische Aktivitäten geworden", sagte Gül. "Wir wollen jetzt kein solches Vakuum." Die Regierung in Ankara fürchtet um die eigene territoriale Integrität, sollte im Rahmen einer Regelung für die Zeit nach dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein ein eigenständiger Kurdenstaat auf die Tagesordnung gesetzt werden.

Die Türkei hat bereits mehrere tausend Soldaten im Norden Iraks stationiert. Die dort lebenden Kurden lehnen die Anwesenheit des türkischen Militärs ab, weil diese die territoriale Integrität Iraks verletze. Sie haben angekündigt, gegen die türkischen Truppen zu kämpfen, wenn diese in ihre selbstverwaltete Region vorrücken sollten, insbesondere, wenn dies ohne US-Truppen geschehen sollte. Nach der Errichtung der Flugverbotszonen im Süden und Norden Iraks durch die USA und Großbritannien nach dem Golf-Krieg 1991 haben die im Norden lebenden Kurden eine Selbstverwaltung eingerichtet.

Die Türkei, die Mitglied der NATO ist, gab nach langen Diskussionen ihren Luftraum für US-Militärflugzeuge frei. Damit können US-Militärmaschinen für Operationen in Nord-Irak die Türkei überfliegen. "Letztlich ist festgestellt worden, dass die Öffnung des Luftraums im Interesse der Türkei liegt", sagte Verteidigungsminister Vecdi Gönül.

Das Vorgehen des Nato-Partners Türkei im kurdischen Nordirak wird in Washington mit großem Misstrauen verfolgt. Der Sprecher des US-Außenministeriums, Richard Boucher, warnte Ankara vor "Eigenmächtigkeiten". Jeder Militäreinsatz müsse mit der von den USA geführten Militärkoalition koordiniert werden. Warnende Töne kamen auch aus Brüssel. Die Nachbarländer des Iraks sollten alles vermeiden, was die Stabilität in der Region gefährden könnte, verlautete beim EU-Gipfeltreffen.

Die Amerikaner wehren sich gegen einen unilateralen Einmarsch der Türken, weil dadurch ihre Absprachen mit lokalen kurdischen Organisationen Nordirak zu Fall gebracht werden könnten. Außerdem befürchtet Washington die Verwicklung der türkischen Verbände in Kämpfe mit kurdischen Milizen. Die hatten eine Invasion der Türkei bislang strikt abgelehnt und ihre 70 000 unter Waffen stehenden Soldaten dem Oberkommando der USA unterstellt. Zugleich aber hatten sie der Türkei energischen Widerstand gegen ein Eindringen zu verstehen gegeben. Washington hingegen wollte eine türkische Beteiligung an der Invasion des Irak unter der Bedingung zulassen, dass sämtliche Verbände einem US-Kommando unterstellt werden.

Die Interessen der USA und der Türkei könnten unterschiedlicher kaum sein. "Die USA haben ihre Probleme mit der irakischen Führung, die Türkei mit der irakischen Opposition", schrieb der "Milliyet"-Kommentator Fikret Bila. "Washington möchte Bagdad kontrollieren, Ankara den Nordirak." Die Türkei verfolgt offiziell andere Ziele als die USA im Nordirak. Ihr geht es nicht um eine Beseitigung des Saddam Regimes, daher will sie unabhängig operieren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%