Oleg Deripaska ist Inhaber einer russischen Firmengruppe
Der ausgebuffte Spieler

Er ist Physiker und Ökonom, erst 34 Jahre alt und schon Milliardär. Wie er genau sein Vermögen gemacht hat, ist unklar. Jetzt will Deripaska mit Partnern Fairchild Dornier kaufen.

MOSKAU. Es ist so, als ob der Bock zum Gärtner gemacht wird: Ausgerechnet der am heftigsten wegen seiner Geschäftsmethoden kritisierte Großunternehmer Oleg Deripaska arbeitet im russischen Unternehmerverband die Ethikregeln für Russlands Wirtschaft aus. Dabei werfen die Konkurrenten dem Multi-Milliardär vor, er wende bei Firmenübernahmen die brutalsten Methoden an: In New York wird er derzeit wegen Auftragsmord, Bestechung und Geldwäsche verklagt. Jetzt tritt dieser hoch umstrittene Vertreter des neuen russischen Geldadels in Deutschland als großer Retter auf. Deripaska will mit seiner Industrieholding Basowy Element (BE) und dem sibirischen Jet-Hersteller IAPO den insolventen Flugzeughersteller Fairchild Dornier übernehmen. Die Russen sind die einzigen Bieter, die das gesamte bayerische Unternehmen kaufen wollen. Ob es ihnen gelingt, ist noch offen. Ihre Offerte wird jetzt geprüft.

Der 34-Jährige, der ein passables Schuldeutsch sprechen soll, sieht sich als soliden Partner für Fairchild Dornier. Ohnehin hat er eine hohe Meinung von sich selbst. Er fühlt sich wohl in der Rolle des Helden in der russischen Saga, der es vom Tellerwäscher zum Milliardär gebracht hat. Die Karriere Deripaskas, der als Halbwaise in einer Provinzstadt an der Wolga aufwuchs, ist zumindest beeindruckend: Nach seinem Physikstudium in der russischen Hauptstadt studiert er Wirtschaftswissenschaften am angesehenen Plechanow-Institut. Er finanziert sein Studium als Broker und später als Abteilungsleiter der russischen Handelsgesellschaft Aluminiumprodukt.

Das verschafft dem Mann mit dem Kurzhaarschnitt und den stechenden Augen Know-how und Geld. Bald erlangt er noch den Posten des Generaldirektors der Alu-Schmelze im sibirischen Sajansk. Die damaligen Besitzer, die umstrittenen Tschorny-Brüder, werfen ihm vor, ihr damaliger Angestellter Deripaska habe sie als Besitzer ausgebootet - mit dubiosen Deals. Zu überprüfen ist das kaum. "Als Broker an der Moskauer Börse zu Zeiten mit 1 000 Prozent Inflation und guten Beziehungen zu Banken, die mir Kredite in Rubeln gaben, habe ich viel Geld verdient", versucht der fast immer grimmig dreinblickende Deripaska zu erklären, wie er das Startkapital für seine mysteriöse Unternehmerkarriere gesammelt hat. Mit diesem Geld habe er unterbewertete Unternehmen aufgekauft.

Heute gehöre ihm die Hälfte von Russkij Aluminii, dem zweitgrößten Aluminiumgiganten der Welt. "Da erzielen wir sehr hohe Gewinne", sagt er lachend. "Und die richtige Strategie." Dazu zählt für den eher schüchtern wirkenden Mann, der nach Aussagen eines früheren Mitarbeiters aber nach einem langen Schweigen plötzlich losbrüllen kann, der Zukauf weiterer Unternehmen. In der Holding BE, der er als Aufsichtsrat vorsteht, hat er alle Beteiligungen gebündelt, bis auf seine Anteile an der Aluminiumindustrie. Dazu gehören Firmen der Flugzeugbauindustrie, Automobilbauer wie den "Wolga"-Hersteller GAZ, ein Anteil am führenden russischen Versicherer Ingosstrach, am Pressevertrieb Rospetschat, sowie Holz- und Zellulosewerke, eine Beteiligung am Stahlwerk Nosta und, und, und.

Sein Firmenimperium ist so verzweigt, dass selbst BE noch immer kein Organigramm über die eigene Struktur besitzt. Und jetzt soll noch der deutsch-amerikanische Flugzeugbauer Fairchild Dornier hinzu kommen. Diese Übernahme peilt der augebuffte Spieler ohne Tricks an. Das soll aber nicht immer so sein, wie Gegner und Opfer des wohl aggressivsten russischen Oligarchen berichten. Demnach soll er Gerichte bestechen, Geldwäsche betreiben oder unwillige Opponenten sogar durch bezahlte Killer aus dem Weg räumen lassen und mit der Mafia kooperieren. Dafür jedenfalls verlangt der im Pariser Exil lebende, frühere russische Aluminium-Baron Michail Schiwilo vor einem New Yorker Gericht fast drei Milliarden Dollar Schadensersatz von Deripaska. Und das schweizerisch-russische Holz- und Zellulose-Unternehmen Ilim Pulp wehrt sich vor Gericht gegen eine feindliche Übernahme durch Tochterfirmen der Deripaska-Holding.

Auch im Westen ist der Milliardär, dessen Vermögen das US-Magazin Fortune auf rund 1,5 Milliarden Dollar schätzt, nicht überall gut gelitten: Das Weltwirtschaftsforum in Davos lud ihn im vorigen Jahr kurzfristig aus. Aber Bundespräsident Johannes Rau empfing ihn vor kurzem auf seinem Staatsbesuch in Moskau. Deripaska bestreitet die zahlreichen Vorwürfe: "Das sind leverage-buy-outs gewesen", also Firmenkäufe, die er aus Geldern finanzierte, die er bei der Übernahme vorfand. Er hat Anwälte angeheuert, die helfen sollen, die New Yorker Klage abzuweisen.

Auch Medien, die solche Behauptungen aufstellen, überzieht er mit Klagen, wie jüngst die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Deripaska verfügt über gute Kontakte zur Familie des früheren Präsidenten Boris Jelzin, dessen Clan in Russland als heimlicher Herrscher über Kreml und Unternehmen des Landes gilt. Deripaska ist der Ehemann der Tochter aus erster Ehe von Jelzins Schwiegersohn Walentin Jumaschew. Auch unter Jelzins Nachfolger Wladimir Putin ist Deripaska offenbar gut gelitten: Bei der Tafelrunde des Kremlherrn, zu der ausgewählte Wirtschaftskapitäne eingeladen werden, ist er jedenfalls immer dabei. Er sei "der graue Kardinal des Kreml", sagt Wenjamin Striga von der Gesellschaft gegen Terror und Korruption. Diese Kontakte dürften ihm bei Fairchild Dornier wohl kaum helfen.

Quelle: Handelsblatt

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