Olympia-Bilanz
Der deutsche Sport und die Tücken des Systems

Das Gute am Medaillenspiegel ist, dass man ihn unterschiedlich interpretieren kann. Die deutsche Olympia-Mannschaft beendet die Spiele zwar auf Rang fünf und mit drei Goldmedaillen mehr als in Athen. Doch das ist nur die eine Seite der Statistik. Die andere zeigt: Reformen sind längst überfällig.

PEKING. Das Gute am Medaillenspiegel ist, dass man ihn unterschiedlich interpretieren kann. IOC-Chef Jacques Rogge ist der Meinung, dass sowohl die USA als auch China für sich beanspruchen, die erfolgreichste Nation dieser Spiele zu sein. Die Chinesen, weil die meisten Olympiasieger (51) aus ihrem Land kommen, die Amerikaner weil sie die meisten Medaillen (110) gewonnen haben. Und auch die deutsche Delegation deutet die Medaillenausbeute zu ihren Gunsten, schließlich sind es drei Goldmedaillen mehr als 2004 in Athen. Und "wir haben uns ja um einen Platz verbessert", sagt IOC-Vize Thomas Bach in seiner zweiten Eigenschaft als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, das sei höchst erfreulich.

So die Zahlen gedeutet, ist es natürlich nebensächlich, dass seine Athleten insgesamt acht Medaillen weniger mit nach Hause bringen als vor vier Jahren. Doch könnten sich Bach und die zahlreichen Verbände auch fragen, woran es denn liegt, dass Schwimmer und Ruderer zusammen genommen gerade mal auf vier Medaillen kommen? Oder warum Belgien neuerdings in der Leichtathletik besser abschneidet als Deutschland?

Zumindest Wolfgang Schäuble scheint das aufgefallen zu sein. Der Bundesinnenminister hat festgestellt, dass in anderen Ländern "so viele Ressourcen in den Leistungssport fließen wie nie zuvor". Und dadurch verschärfe sich die Konkurrenzsituation dramatisch, sagt er. Das müsse bei der Analyse der Spiele berücksichtigt werden.

Worte, die Leichtathletik-Cheftrainer Jürgen Mallow eigentlich gerne hören müsste, schließlich sei die "massive Benachteiligung bei der Förderung" für ihn der Hauptgrund für das Debakel seiner Athleten, die zuletzt vor 104 Jahren nur eine Medaille gewannen. Allerdings basiert die Förderung in Deutschland auf einem System, das das Gute besser macht, Misserfolge aber bestraft. So hat Schäuble nach den zwei Silbermedaillen in Athen die Fördermittel für den DLV um 650 000 Euro gekürzt.

Deshalb sind die Reflexe Mallows, die Schuld bei anderen zu suchen, sogar nachzuvollziehen. Mallow sagte am Wochenende nach Verhandlungen mit dem BMI, wenn es nach "den Schreibtischtätern" ginge, dann "würden wir im Sprint, über die Hürden oder im Stabhochsprung gar nicht mehr starten". Bei der Höhe der Förderung kämen nach Deutschland nur noch Länder wie Honduras, polterte er. Weil aber im kommenden Jahr die WM in Berlin stattfindet, wünscht er sich "fünf Millionen Euro, auch wenn wir mindestens das Doppelte bräuchten".

Mehr Geld zu fordern ist immer der einfachste Weg, nur vergisst Mallow, dass die Steuerzahler den Sportfördertopf in Deutschland speisen. Und zwei von drei sind einer aktuellen Umfrage des "Stern" zufolge gegen eine Erhöhung des Fördervolumens von 200 Millionen Euro jährlich.

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