Olympia
Doping-Kontrollen auf Rekordhoch

Für den ersten Rekord hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) bereits vor Peking gesorgt: Die Zahl der Doping-Kontrollen unter den rund 10 500 Sportlern bei den Sommerspielen 2008 steigt auf nie dagewesene 4 500.

Trotz aller Abschreckung durch 3 700 Kontrollen waren auch 2004 in Athen 23 Athleten positiv, darunter vier Olympiasieger mit klassischen Hormonen, die in 18 dieser Fälle im Spiel waren. In Peking scheint dieser "olympische Rekord" in Gefahr, zumal die aktuelle Tour de France zeigt, wie viele offenbar auf Risiko fahren.

4 500 geplante Dopingtests

Die 4 500 Tests in Peking sind während der Spiele (8.-24. August) und in den 13 Tagen vor Eröffnung des Olympischen Dorfes geplant. 4 000 Urinproben werden binnen 48 Stunden ausgewertet, 500 Blutproben in 72 Stunden. Erstmals wird laut John Fahey, seit 1. Januar Leiter der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, auch nach Wachstumshormonen gefahndet. Alle Proben sollen acht Jahre lang eingefroren werden, damit sie später auf jetzt noch nicht entdeckbare Substanzen untersucht werden können.

Olympisches Gold kann also auch Jahre später neu verteilt werden. Nichts Neues in einer Zeit, in der dem einstigen Leichtathletik-Star Marion Jones erst vor Monaten drei Sprintsiege und zwei weitere Medaillen der Sommerspiele von Sydney 2000 aberkannt wurden. Die inzwischen verschuldete Amerikanerin ist eine der großen Tragödien der Leistungsmanipulation, sitzt derzeit im Gefängnis, während die Konkurrenz um Medaillen sprintet. Allein in der Leichtathletik sind zwei Dutzend Kandidaten für Edelmetall wegen Sperren in Peking nicht am Start, eine ganze Reihe anderer wie Russlands Diskus-Olympiasiegerin Natalja Sadowa nach Ablauf ihrer zweijährigen Auszeit wieder dabei.

Von Anabolika bis EPO

Im Gewichtheben führten Skandale in Bulgarien (wegen des Anabolika-Klassikers Dianabol) und Griechenland zur Olympiasperre für je elf Athleten, darunter einer ganzen Reihe Sieg- und Medaillenkandidaten. 51 Heber wurden allein 2008 bereits aus dem Verkehr gezogen, weil sie Hormone für die Muskelmast im Körper hatten.

Das Ausdauer-Hormon Erythropoietin (EPO), erstmals bei den Sommerspielen 2000 im Raster der Fahnder, ist dagegen der Renner bei den Rennern: Leichtathleten, Radsportlern, Triathleten, aber auch anderen Sportarten, in denen Dauerleistung gefragt ist. Das Problem ist nicht nur, nicht erwischt zu werden, sondern zu überleben: Das künstlich verdickte Blut kann Probleme bis zum Infarkt auslösen. Etliche Todesfälle sind bekannt.

"Olympia ist eine scheinsaubere Welt. Es wird manipuliert wie immer - nur auf höherem Niveau. In jeder großen Sportnation weiß man, wie man richtig dopt. Auch Deutschland gehört zu den führenden Ländern", sagt der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke angesichts der 72 positiven Fälle bei 4 871 Kontrollen im Jahre 2007. Franke: "Aber alle Nationen werden noch übertroffen von China, dem Haupthersteller von Doping-Drogen. Das Hauptproblem ist: wenn die Fahnder endlich das Visum haben, hat das Warnsystem längst funktioniert."

"95 Prozent der Ausdauerleistungen kann man vergessen"

"95 Prozent der Ausdauerleistungen kann man vergessen, die Kontrollen sind ohne großen Wert. Erwischen lassen sich nur Idioten", sagt Franke. Der große Anti-Doping-Kämpfer glaubt, dass die Verbände ihren Feldzug gegen die Seuche des Sports scheinheilig führen, dass die weltweit rund 50 Mill. Euro, die für den Kampf gegen Doping ausgegeben werden (in Deutschland rund fünf Mio.), oft fehlinvestiert, weil die Kontrollen "zu wenig intelligent" sind. Sie finden laut Franke nicht gezielt genug in jenen Phasen statt, in denen "die Athleten ihre Dopingkuren betreiben" und seien "weitgehend nutzlos in der Zeit vor dem Wettkampf und während des Wettkampfs".

Nicht nur Franke rät, einen Großteil der Mittel für Kontrollen lieber in die Forschung zu stecken, um neue Nachweismethoden auszutüfteln. Er geht davon aus, dass neben einst gegen Kleinwüchsigkeit entwickelten Wachstumshormonen wie IGF-1 rund zehn Varianten von EPO, sogenannte EPO-Mimetika, vor allem unter den Radsportlern in Umlauf sind: "Die wirken wie EPO, sind aber nicht nachweisbar. Wir brauchen Testverfahren, aber die sind abenteuerlich unterfinanziert."

"Wir brauchen mehr Forschung"

Auch Wilhelm Schänzer, Leiter des weltweit anerkannten Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln, sagt: "Wir brauchen mehr Forschung, auch in Sachen Gendoping." Auch er räumt ein, es gebe im Bereich EPO neue Varianten, die von der Analytik nicht optimal erfast werden können. Ähnlich seien bei Anabolika-Präparaten, die keine Nebenwirkungen hätten, Strukturen verändert worden und dadurch schwer nachweisbar. Steroide (Testosteron, Stanozolol, Methandienon) seien zusammen mit dem anabolika-ähnlich wirkenden Clenbuterol noch immer die meistgebrauchten Dopingmittel, so auch 2004 in Athen in 18 der 23 Fälle.

Um positive Tests zu verhindern, wird auch getrickst. Laut Franke vor allem mit der chemischen Substanz "Urine Luck", die einfach im Internet zu beziehen sei und zu 99,6 Prozent unerwünschte Ergebnisse verhindere. Oder man verwende ein Pülverchen aus eiweiß-abbauenden Enzymen, "die beim Pinkeln als Stäubchen dem Urin mitgegeben werden".

© SID

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