Olympia-Premiere am Mittwoch, 0.30 Uhr MEZ: Erdmann erkennt man

Olympia-Premiere am Mittwoch, 0.30 Uhr MEZ
Erdmann erkennt man

Früher schlitterte die große Blondine mit dem armen Günther Jauch den Eiskanal hinunter. Heute rutscht sie zwar immer noch durch die kalte Halbröhre, allerdings mit einem schützenden Chassis. Aus der Rodlerin Susi Erdmann wurde trotz Männerspott eine Bobfahrerin.

SALT LAKE CITY. Keep cool, Susi. Eine falsche Frage, schon kann sie mächtig fuchsig werden. Muss nicht sein, diese Aufregung. Sie kann nämlich auch ganz anders. "Passt doch gut zu einer Prinzessin", strahlt Susi Erdmann übers ganze Gesicht, als sie von ihrer Zweitwohnung in einem Schloss bei Berchtesgaden erzählt. Die hatte ihr Sponsor, Chef der oberbergischen Inkassofirma Tesch, eigentlich als Ferienwohnung gekauft. Dann wurde er Finanzier der Erdmannschen Operation Frauenbob, und nun wohnt die Susi mitsamt ihren vier Anschieberinnen unter der Woche in den ebenso schicken wie historischen Gemäuern nahe der Bahn in Königssee.

Derzeit logiert die Schlossdame allerdings im mit geringerem Wohlfühl-Klima gesegneten Olympischen Dorf. Zum ersten Mal dürfen Frauen beim großen Wintersportereignis sperrige Gefährte durch den Eiskanal steuern. Es gibt zwar nicht viele Damen, die diese Sportart betreiben, aber weil die teuren Bahnen nun mal ohnehin in jeder Olympiastadt gebaut werden, sollten sie wenigstens für einen weiteren Wettbewerb genutzt werden. Gleiches gilt für Skeleton, das ebenfalls Premiere im Zeichen der Ringe feiert.

Erdmann weiß um die simplen Beweggründe für die olympische Berufung der Sportart. Doch alles, was sie und ihr Tun auch nur ansatzweise kritisieren könnte, vermag sie auf die Palme zu bringen. "Ich möchte nicht, dass unser Sport ins Lächerliche gezogen wird", betont sie im Gespräch mit dem Handelsblatt und verdreht genervt die Augen, als es um den Argwohn und die Lästereinheiten der männlichen Kollegen geht. "Sie verhalten sich inzwischen ruhig. Das ist schon viel", meint Erdmann und hofft, dass "die Jungs sehen, wie wir arbeiten". Sie selbst sieht sich als wahre Unternehmerin. "Steuerlich geprüft wegen möglicher Scheinselbstständigkeit", erzählt sie in einem Tonfall, der ungefähr ihre Gedanken erahnen lässt. "Hättst ?e nicht gedacht" oder so ähnlich scheint es ihr durch den Kopf zu schießen. Ein wohlwollendes Nicken besänftigt die Ex-Rodlerin, der Volvo einen Lkw für den Transport des Bobs zur Verfügung stellte.

Chefin ohne Entscheidungsgewalt

Jetzt ist sie die prominenteste und als Weltcupsiegerin zuletzt auch die beste Bobfahrerin. Sandra Prokoff heißt die andere deutsche Olympiastarterin, und die hat mit Ulrike Holzner die stärkere Anschieberin hinter sich. Gerade weil der Start so wichtig ist, hat Erdmann zunächst einmal einen Wettbewerbsnachteil. Denn Mitfahrerin Nicole Herschmann war für Salt Lake nicht ihre Wunschpartnerin. Bundestrainer Wolfgang Hoppe warf gegen den Willen der Pilotin Annegret Dietrich aus dem Bob und nominierte Herschmann, die nicht zu den Erdmann-Angestellten zählt. Inzwischen hat sich der Ärger bei der Chefin ohne Entscheidungsgewalt halbwegs gelegt, obschon die Trainingszeiten auf der Olympiabahn vor der heutigen Entscheidung nicht optimal waren.

Wenn die Arbeitgeberin Erdmann von ihrem kleinen Unternehmen erzählt, kommt sie schon mal ins Schwärmen und betont, dass ihre diversen Bremserinnen nicht am Hungertuch nagen müssen: "Sie verdienen sehr ordentlich bei mir." Auch deshalb, weil Sponsor Tesch den Saisonetat von mindestens 100 000 Euro bestreitet und gleich noch ein paar andere Dienstleistungen bietet. Erdmanns Internetseite wird von seinem Unternehmen gestaltet, und als Mechaniker am Kufenfahrzeug fungiert ein EDV-Experte aus Teschs Firma.

"Für mich bleiben nur Prämien übrig", stellt Erdmann fest. Hört sich dürftig an für eine, die sich selbst "als ziemliches Zugpferd" ihrer neuen Sportart sieht. Das war schon zu Rodelzeiten so ("Da habe ich mehr Geld verdient"), als sich fast alles um Georg Hackl und Susi-Lisa Erdmann drehte. Sie war auch öffentlich immer für jeden Spaß zu haben und kutschierte den armen Günther Jauch als Mitrodler durch die kalte Halbröhre. "Man liegt nur fünf Zentimeter über dem Eis, das ist schon ein irres Gefühl", schwärmt die 34-Jährige von ihrer früheren Passion.

"Der Eiskanal ist mein Leben"

Als Erdmann dort nicht mehr vorne mitfahren konnte, wechselte sie in den Bob. "Der Eiskanal ist mein Leben, mein Zuhause - seit ich neun Jahre alt bin", erläutert sie und muss keine weiteren Erklärungen liefern, warum sie auch in vier Jahren bei den Winterspielen in Turin mit dann 38 Jahren noch starten will. Über Alternativen zerbricht sich Susi Sorglos noch nicht den Kopf. "Ich bin Berufssoldatin, also Beamtin. Das ist ein sicheres Standbein."

Dass sie abseits winterlicher Landschaften noch einmal groß ins Geschäft kommt und von der Werbung entdeckt wird, ist kein Thema mehr. "Habe ich abgehakt. Bin zu alt. Der Markt sucht eben junge, frische und knackige Gesichter", stellt sie ernüchtert fest und verweist nur noch halbherzig auf die große Werbefläche am Bob. Die Übertragungen der Weltcup-Rennen finden nur bei Eurosport statt. "Die Quoten sind aber fast so gut wie bei den Männern", meint Erdmann.

Die öffentliche Aufmerksamkeit, die zuletzt die Eisschnellläuferin Anni Friesinger erreichte, ist bei ihr selbst bei größtem Erfolg und trotz ihres beachtlichen Bekanntheitsgrades utopisch. "Erdmann erkennt man" - stimmt zwar und hört sich auch gut an, reicht aber nicht, um in den Medien dauerhaft aufzutauchen.

Christoph Langen gab Starthilfe

Um in den Ergebnislisten regelmäßig vorne dabei zu sein, stimmen mittlerweile zumindest die Voraussetzungen in puncto Material. Christoph Langen, Ex-Lebensgefährte und soeben wieder Olympiasieger geworden, hat das Chassis eines zwei Jahre alten Bobs zur Verfügung gestellt. "Geleast", ergänzt die Blondine, die zuvor mit einem elf Jahre alten Gefährt unterwegs war. Die Hilfe Langens kam ihr gerade recht: "Ich könnte mir keinen besseren Ansprechpartner vorstellen. Er ist der Großmeister auf diesem Gebiet."

Dass der knorrige Unterhachinger seinerzeit mittendrin war im Chor der männlichen Kritiker, ist bei der neuen geschäftlichen Beziehung zweitrangig. "Er akzeptiert uns", sagt Erdmann. Die Frauen sollten aufpassen, dass sie nach einem Sturz nicht wochenlang im Koma lägen, hatte Langen gespottet. Inzwischen hat die große Blondine in der Tat einen heftigen Crash inklusive Schleudertrauma hinter sich und weiß: "So witzig war der Sturz nicht."

Die Blessuren sind längst verheilt, der Angriffslust hat der Unfall keinen Abbruch getan. "In mir fließt Rennfahrerblut", meint Susi Erdmann, die sich nicht zum ersten Mal als Vorkämpferin fühlt. "Ich war auch schon eine der ersten Frauen bei der Bundeswehr. Frauen sind im Kommen, ob im Sport, in der Politik oder der Wirtschaft", befindet sie. "Sie verdienen ihr eigenes Geld und machen, was sie gerne möchten. Und zwar ohne dass sie gleich Emanzen sind." Ihr gesellschaftliches Fazit fällt schließlich eindeutig aus: "Es findet ein Rollentausch statt. Und davor haben die Männer Angst."

Keep cool, gar so schlimm ist es wohl nicht. Zumindest solange sie nicht zu ihr in den Bob müssen.

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