Olympia-Tagebuch
Algenpest in Qingdao

Langsam beschleicht mich schon das Gefühl, dass sich irgendwie alles gegen China als Olympia-Austragungsland verschworen hat. "Jetzt fehlt nur noch ein schlimmes Feuer", so der trockene Kommentar eines Taxifahrers in Qingdao, als er mich im Eiltempo durch die Hafenstadt befördert. Der Blick aus dem Autofenster offenbart das neueste Olympia-Desaster.
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Eine noch nie dagewesene Algenpest verseucht seit tagen das Meer vor der Hafenstadt. Und in Qingdao sollen in einem Monat die olympischen Segel- und Surfwettbewerbe stattfinden.

Der knurrige Chinese am Lenker spielt mit seiner Bemerkung auf die daoistische Fünf-Elemente-Lehre (wuxíngan) an, die sich auf Holz, Wasser, Erde, Metall und Feuer bezieht. Denn im Olympiajahr 2008 ist China bereits in heftigen Regenfällen und im Schneechaos (Wasser) untergegangen, hat ein verheerendes Zugüngluck (Metall) erlebt und wurde von einem schweren Erdbeben (Erde) erschüttert. Jetzt kämpft Qingdao gegen das Holz-Element im weiteren Sinne: In dicken Schlickteppichen wird täglich die stinkende, grüne Algenmasse angeschwemmt.

Qingdaos Name, der übersetzt ganz lieblich die "grüne Insel" bedeutet, hat plötzlich eine neue Bedeutung bekommen. Statt auf blaues Meer blickt der Besucher jetzt auf grüne Stinkebrühe. Statt der berühmten goldenen Sandstrände ziehen sich seit zwei Wochen schleimige Badebuchten um die bei Touristen so beliebte frühere deutsche Kolonie.

Die 7-Millionenstadt hat alle Kräfte mobilisiert: Mehr als 1000 Fischerboote holen jeden Tag mit Ihren Netzen das Grün aus dem Meer, rund 10 000 Freiwillige säubern Tag und Nacht die Strände. Das Militär ist im Einsatz und fischt mit bloßen Händen das Grün aus den Wellen. Selbst Touristen kämpfen an der Anti-Algen-Front mit. Doch es hilft nichts. Mit der nächsten Welle schwappt schon wieder ein neuer Algenteppich heran.

Draußen auf dem Meer, wo bald die olympischen Regatten starten sollen, seien sie so groß wie Fußballfelder, berichtet ein deutscher Segler nach einer Ausfahrt. Der grüne Schlick mache die Boote langsam und manövrierunfähig. "Da kann man keine Regatta segeln", lautet der pessimistische Kommentar des Profis. Und die gigantische Algenplage ist seiner Meinung nach vor Olympia nicht mehr zu stoppen.

Doch Qingdao will es schaffen. Mehr als 100 Tonnen Algen wurden bereits abtransportiert. An der Hafenpromenade liegen überall die grünen Algenhaufen, warten auf Beseitigung. Unentwegt rollen Lastwagenkolonnen durch die Straßen, die die grüne Masse aus der Stadt karren. Sie gehören momentan ebenso zum Stadtbild von Qingdao wie die berühmte Brauerei, die heiligen Laoshan-Berge, die alten wilhelminischen Villen und die moderne Regattaanlage.

Auf dem Olympia-Pier nennt ein Offizieller der Olympia-Organisatoren die plötzliche Algenpest schlicht eine "Katastrophe" für die Spiele. Man überlege, riesige Netze vor der Küste im Meer zu verankern, um so die Algen einfach auszusperren. Für eine Fläche von 45 Hektar? So groß ist das olympische Segelareal. Auch der Einsatz von Chemikalien wird diskutiert. Doch darüber spricht in Qingdao niemand offen. Schließlich hat auch Qingdao "grüne" Spiele versprochen - dabei hatte allerdings niemand die schleimige Algenpest im Sinn.

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