Olympia-Tagebuch
Meine Party

Pseudoklassische Heldenmusik, Durchsuchungen am Eingang, Spielverderber müssen gehen: Wären die Olympischen Spiele eine private Feier, müssten sich die Gäste auf diese und ähnliche Maßnahmen einstellen. Was fehlt? Es kommt nicht die gleiche Stimmung auf wie vorletztes Wochenende bei den australischen Freunden.
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PEKING. Irgendetwas ist bei meiner Party schief gegangen. Wenn ich nur wüsste, was? Das erklärte Ziel war ein frohes Fest. Eigentlich habe ich alles richtig gemacht. Zuerst die Vorbereitungen. Meine Oma habe ich rausgeschmissen, die muss solange auf dem Bürgersteig schlafen. Von meinen Freunden habe ich nur einen ausgewählten Kreis eingeladen. Die anderen erhielten kein Visum für meine Wohnung. Am Eingang habe ich alle Gäste auf mitgebrachte Getränke, CDs und MP3-Spieler durchsucht. Die Leute könnten mit ihrem eigenen Zeug schließlich mein durchgeplantes Konzept stören. So etwas kann ich nicht erlauben. Zwischen den Zimmern finden weitere Kontrollen statt - es könnte sich schließlich ein Stimmungsverderber zwischen die korrekt angemeldeten Gäste schmuggeln.

Es spielt abwechselnd pseudoklassische Heldenmusik oder süßlicher Klavierkitsch mit allzu niedlichem Kindergesang. Um Stimmung zu verbreiten, zeige ich allen meine nagelneue Stereoanlage und das HD-DVD-Dolby-Surround-System von Bang & Olufsen und erkläre laut, dass es nichts besseres auf dem Markt gebe. Natürlich sei derlei moderne Technik ziemlich teuer, aber ich kann es mir seit meiner Beförderung natürlich leisten. Nicht wahr, Peter, bei Dir hat es nur für eine übliche Anlage aus dem Mediamarkt gereicht! Ha ha! Dann erzähle ich allen, dass das Bild an der Wand von einem wahnsinnig bekannten und teuren Künstler stammt.

Allein für die Deko habe ich mehrere Designer beschäftigt. "Ein einfacher Esstisch hätte es doch auch getan", wagt ein Gast einzuwenden. Ich schmeiße ihn sofort raus. Überhaupt sind alle Gesprächsthemen erlaubt, nur keine kritischen. Wer etwas kritisieren möchte, muss damit rechnen, dass ich ihn zu den Kindern sperre. Die habe ich schon im Hinterzimmer eingeschlossen, weil sie dem Rausschmiss der Oma widersprochen haben. Ich erkläre den Gästen, dass es illegal ist, sich von dem Schreien und Wehklagen der Kinder die Stimmung verderben zu lassen. Es spricht nichts dagegen, sich köstlich zu amüsieren. Auch wenn es nur einen Haufen Hamburger und Cola zu essen und zu trinken gibt, weil sie von den Hauptsponsoren der Party kommen.

Im Verlauf der Party schmeiße ich alle Gäste vor die Tür, die es wagen, sich mit den Nachbarn zu solidarisieren. Dabei bin ich doch völlig damit im Recht, dass ich den gemeinsamen Balkon allein nutzen darf.

Ich amüsiere mich selbst an diesem Abend am meisten - trinke viel, lache am lautesten und freue mich am auffälligsten über meine vielen Siege bei den Partyspielen. Bei denen schneide ich natürlich am besten ab, weil ich vorher fleißig geübt habe. Bei soviel Engagement wundert es mich schon, dass nicht die gleiche Feierstimmung aufkommt wie vorletztes Wochenende bei den australischen Freunden in Sydney.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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