Olympia-Tagebuch
Olympische Stille

Irgendwas fehlt. Ich sitze in meinem Büro und vermisse die vertrauten Geräusche. Nein, nicht das Telefon oder das Klappern der PC-Tastatur. Es fehlt der Begleitlärm dieser Stadt, der sonst immer über Peking liegt. Hämmern, Bohren, Schweißen, Baggern.
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PEKING. Die Großbaustelle, auf die ich seit Wochen von meinem Bürofenster blicke, liegt einsam und verlassen. Wo sich sonst der Kran unentwegt drehte, steht nun alles still. Dem Investor ist nicht etwa das Geld ausgegangen. Peking hat für die Spiele einen radikalen Baustopp verfügt, um die Luft staubfreier zu machen.

Ausgenommen sind nur Bauprojekte, die zu Olympia stehen sollen. Doch das sind nicht viele. Denn während vor vier Jahren in Athen gezittert werden musste, ob alles zum Start der Sommerspiele fertig wird, hat China mal eben sein Millionenheer von Wanderarbeitern gerufen. Stadien, U-Bahn und Zufahrtstraßen sind lange einsatzbereit.

Auch auf "meiner" Baustelle wimmelte es in den vergangenen Monaten wie auf einem Ameisenhaufen. Das emsige Meer der gelben Helme war nicht nur von oben betrachtet beeindruckend. In der Mittagspause saßen die Wänderarbeiter mit Essnapf und einem fröhlichen Lachen überall am Straßenrand. Das war kein Heer geschundener Sklaven. Eher ein Trupp schräger und mutiger Vögel, die stolz darauf sind, ihr Land aufzubauen.

In Peking gehörten sie längst zum Straßenbild. Im Sanlitun-Viertel vor dem neuen Mega-Laden von Adidas. Oder vor der gigantischen neuen US-Botschaft, die - einer modernen Festung gleich - gerade noch zu Olympia fertig geworden ist. Überall sah man das herzliche Lachen unter gelben Helmen, rief es "Hello!"

Jetzt sitzen die letzten Wanderarbeiter vor den Baustellen oder am Westbahnhof. Die meisten haben ein Bündel neben sich, warten auf einen Bus oder den Zug. Bis zu fünf Millionen Wanderarbeitern haben in Peking für Olympia gebaut. Gut zwei Wochen vor dem großen Fest müssen sie raus aus der Stadt, obwohl die Stadtregierung noch vor einem Jahr das Gegenteil behauptet hatte. Aber so funktioniert Olympia in China.

Natürlich wäre ihr Traum, mal bei einem Wettkampf dabei zu sein, sagen die meisten der Malocher. Aber ungerecht finden sie ihre Ausweisung aus Peking nicht. "Für uns ist das keine große Sache", erklärt ein Bauarbeiter aus Sichuan. "Aber für unser Land ist Olympia eine Riesending." Seine Weiterreise versteht er so als "patriotische Pflicht".

Schade, dass die ausländischen Olympia-Besucher diese Helden Chinas nicht erleben werden. Von ihnen habe ich zumindest mehr über China gelernt als in manchen Gesprächen mit Offiziellen. Sie sind nicht das inszenierte und schicke China, aber das authentische und ehrliche. Das fehlt jetzt, ausgerechnet zu Olympia.

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