Olympia-Tagebuch
Sicherheit in Peking: Misstrauen allenthalben

Die Ermordung eines US-Touristen, Bombenanschläge in Westchina und mehrern Tibet-Aktionen: Das Misstrauen der Sicherheitskräfte in Peking wächst. Nicht einmal Tontechniker bleiben verschont. Ein paar Kabel in der Tasche, und schon steht der Terrorverdacht im Raum.

PEKING. Die Organisatoren der Spiele versprechen nach jedem Zwischenfall, die Sicherheit zu erhöhen – doch da bleibt als Maßnahme fast nur noch, das öffentliche Leben einzustellen. Die Auswirkungen des Überwachungswahns erlebte kürzlich ein Pekinger Tontechniker. Er wollte mit einer Kiste über die Straße gehen, in der er TV-Ausrüstung transportierte. Aus der Kiste standen ein paar Kabel hoch, drinnen lagen elektrische Geräte. Eine ältere Frau starrte ihn an und hielt ihn auf. „Das ist aber sehr verdächtig“, sagte sie. „Was?“, fragte der Tontechniker. „Hier, deine Kiste“, sagte die Frau. Sie trug eines der rot-weißen T-Shirts der untersten Kategorie von Olympiafreiwilligen. Die „City-Volunteers“ sollen unter anderem in ihrer Nachbarschaft patroullieren.

Der Tontechniker starrte zu der Frau zurück. Er sah keine Notwendigkeit, sich zu rechtfertigen. Er ging einfach über die Straße und ließ die treue Überwacherin an der Verkehrskreuzung stehen.

Auch die allgegenwärtigen Röntgenschleusen werden noch penibler. Am Eingang zu einem kleinen Park: Nach dem obligatorischen Test-Schluck aus der Wasserflasche wollte ich meine Tasche wieder vom Band nehmen. Die Sicherheitsbeamtin hielt mich jedoch auf. „Inhalt zeigen!“, befahl sie. Ich öffnete die Tasche. „Wo ist das Messer?“, fragte sie. „Ich habe kein Messer.“ Sie löste den Riemen meiner Digitalkamera und ließ die Tasche erneut durchlaufen. Offenbar hatte die Kollegin am Monitor das Band für eine Klinge gehalten. An der Sicherheitsschleuse hatte sich jetzt schon eine ganz schön lange Schlange gebildet. Noch lange kein Grund, eine auffällige Person wie mich einfach durchzulassen. Schließlich hatte ich mich verdächtig gemacht. „Machen Sie mal ein Foto mit der Kamera!“, sagt die Frau. Das sollte beweisen, dass der Apparat echt ist und keine Sprengladung enthält. Immerhin war Fotografieren nicht verboten. fmk

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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