Olympische Idee
Kein Platz für neue Rekorde

Nach den vergangenen drei Olympischen Spielen jagte ein Superlativ den nächsten. In Athen wird es Zeit, das Rad ein Stück zurückzudrehen. Olympia ist so groß, so milliardenschwer geworden, dass die Jagd nach immer neuen Rekorden – sportlich wie kommerziell – aus dem Ruder zu laufen droht.

Die Luft ist dünn geworden hoch oben auf dem Olymp. Was kann an Wortgewalt noch kommen nach den "Best Games Ever" 1992 in Barcelona, nach Jahrhundertspielen 1996 in Atlanta und Jahrtausendspielen 2000 in Sydney? Da kann Athen 2004 nur enttäuschen. Wer traut den Griechen schon zu, dass sie in Athen nach einer chaotischen Vorbereitung ein perfekt organisiertes Fest ausrichten können? Sie drohen daran zu scheitern, dass die olympische Devise, die weltbesten Sportler zusammenzubringen, die Aufforderung zum Superlativ enthält. Nach dem Rekord ist vor dem Rekord.

Dabei wird es Zeit, das Rad ein Stück zurückzudrehen. Olympia ist so groß, so milliardenschwer geworden, dass die Jagd nach immer neuen Rekorden - sportlich wie kommerziell - aus dem Ruder zu laufen droht: Muskelbepackte Athleten werden immer häufiger des Dopings überführt, Funktionäre seit der Ära Samaranch regelmäßig der Korruption verdächtigt. Mögen die TV-Quoten während Athen 2004 auch zeigen, dass sich der Sport resistent zeigt gegen allerlei Betrug und scheinbar nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Die Olympische Familie läuft Gefahr, dass sich das Publikum abwendet, sobald der Heller über das Herz regiert. Spätestens dann droht die Rekordfahrt des Flaggschiffs Olympia zu Ende zu gehen.

Der Ausrichter hat schier unlösbare Aufgaben vor sich. Er muss aufpassen, dass eine militärische Omnipräsenz rings um die Sportstätten den Friedensgedanken der Spiele nicht ad absurdum führt. Dabei soll ausgerechnet der kleinste Ausrichter seit Helsinki 1952 die höchsten Sicherheitskosten stemmen, die je bei Sommerspielen angefallen sind.

Athen braucht keine neue Rekordveranstaltung. Fröhliche Spiele im Hochsicherheitstrakt Athen - das allein wäre rekordverdächtig genug. Wenn Griechenland das Sportfest nur ein winziges Stück auf seine Ursprungsidee zurückführen könnte, wäre schon eine Menge erreicht.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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