Olympische Sommerspiele 2004
Athen läuft die Zeit davon

Ein Jahr vor Eröffnung der Spiele 2004 in Athen gleicht die Stadt einer riesigen Baustelle. Nun ist die Sorge groß, die Spiele könnten als die "Unvollendeten" in das olympische Geschichtsbuch eingehen.

HB/dpa ATHEN. Ein Jahr vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Athen fallen dem Internationalen Internationalen Olympischen Komitee (IOC) immer neue Formulierungen der Besorgnis ein. "Nun beginnt in einem Hindernislauf der absolute Endspurt. Athen darf keine Sekunde mehr verlieren", sagt IOC-Vizepräsident Thomas Bach. IOC-Präsident Jacques Rogge ruft die Griechen dazu auf, "sich hinter die Veranstalter zu stellen", was so viel heißen soll: Die Zeit rennt davon. Jeder Streit würde die Spiele noch weiter gefährden.

Anlass für die Appelle, Ermahnungen, aber auch Ermutigungen bildet der Jahrestag des 13. August. Am kommenden Mittwoch, 366 Tage vor der Eröffnungsfeier, wird Rogge in einer Zeremonie in Lausanne die olympische Welt offiziell in die Griechen-Metropole einladen. Doch unter welchen Bedingungen 10 500 Sportler aus 202 Ländern an den 16 Wettkampftagen bis zum 29. August 2004 um Medaillen in 301 Konkurrenzen antreten werden, kann auch der Belgier nicht sagen. Die griechische Zeitung "Eleftherotypia" spricht von einer "Odyssee 2004" und schreibt am Montag: "Simitis läutet die Alarmglocken." Der Ministerpräsident selbst ordnete die Untersuchung der Salmonellen- Vergiftung der deutschen Nachwuchs-Ruderer in einem Athener Restaurant an und machte diesen als besonders peinlich empfundenen Zwischenfall bei den Testwettkämpfen zu einer Staatsaffäre.

Drei Jahre lang hatte Griechenland nach der Vergabe der Spiele 1997 geradezu vertrödelt, ehe es ernsthafte Anstrengungen machte, um 108 Jahre nach der Wiedergeburt Olympias in Athen ein würdiger Gastgeber sein zu können. Nun ist die Sorge groß, die Spiele könnten als die "Unvollendeten" in das olympische Geschichtsbuch eingehen. Schon werden Vergleiche mit Montréal 1976 herangezogen. Damals standen die Kanadier unter vergleichbaren Vorbereitungsnöten und Turbulenzen. Damals wurde das Dach des Olympiastadions nicht fertig - und dies droht nun auch bei der Hauptarena der Spiele 2004.

Athen 366 Tage vor dem olympischen Startschuss - das wirkt wie eine einzige Baustelle. Jetzt soll Versäumtes und Verzögertes im Schnellverfahren nachgeholt werden. Für viel mehr Geld, als der ursprüngliche Olympia-Haushalt vorsah. Wie viel die Olympischen Spiele wirklich kosten werden, weiß zurzeit wohl niemand. "Die Rechnung werden wir nach 2004 bekommen", fürchtet "Eleftherotypia". Das Organisationskomitee ATHOC gibt seinen Haushalt mit 1,96 Milliarden Euro an, die Regierung plant mit 4,5 Milliarden Euro für die Infrastruktur. Doch diese Summe wird nach jüngsten Berechnungen um mindestens 366 Millionen Euro überschritten werden.

Zwischen Hoffen und Bangen

Tragelaph ist das altgriechische Wort für ein Riesendurcheinander. "Wir erleben hier täglich Tragelaph", sagt ein Taxifahrer. Die Medien sprechen zunehmend von "halber Arbeit", Zweifel werden vor allem an der rechtzeitigen Fertigstellung der Anlagen für Kanu-Slalom, Basketball, Gewichtheben und Ringen geäußert. Die ersten vorolympischen Testwettbewerbe machten zudem noch ganz andere Probleme deutlich: Eine Wettkampfstätte wie das Ruderbecken, die wegen Klima, Lage und Beschaffenheit unzureichende Voraussetzungen bietet. Ein Mangel an organisatorischer Erfahrung und überbordende Bürokratie.

"Wir werden bis zum letzten Moment der Sommerspiele bangen", sagt immer wieder ATHOC-Präsidentin Gianna Angelopoulos-Daskalaki. Doch die Milliardärs-Gattin, auch "eiserne Lady" genannt, steht oft allein auf weiter Flur. Die Spiele sind weitgehend auch Staatsspiele. Die Regierung zahlt und bestimmt mit. Zwar bilden Ministerpräsident Kostas Simitis und die ATHOC-Chefin eine zumeist funktionierende Doppelspitze. Doch gehen zwischen Ministerien, städtischen Behörden und dem Organisationskomitee viel zu viele Energien verloren. Regierung und Opposition prügeln aufeinander ein.

Das ohnmächtige IOC schwebt zwischen Hoffen und Bangen und verteilt neben Kritik auch Streicheleinheiten. Zwei neue U-Bahnlinien funktionieren einwandfrei. Eine riesige Umgehungsstraße ist fast fertig. Eine neue Vorstadtbahn sowie eine neue Straßenbahn werden gebaut. 90 000 Freiwillige Helfer, das sind 30 000 mehr als gebraucht werden, haben sich angemeldet. 480 000 der 5,3 Millionen Eintrittskarten wurden bereits an einzelne Besucher verkauft. Die größten Fußgängerzonen Europas rund um die Akropolis, eine Art olympische Meile, ist fast fertig. Sie verbindet alle antike Stätten Athens. Bach spricht von "enormen nationalen und internationalen Anstrengungen" auf dem Gebiet der Sicherheit, "das verdient Vertrauen".

Zu den vielen Unklarheiten zählt neben der Verkehrssituation die Unterbringung der Olympia-Touristen. Sie sollen in Hotels unterkommen, die in einem Radius von 150 km rund um Athen liegen. Ein Programm für Quartiere in Privathäusern und Wohnungen in Athen kommt wegen bürokratischer Probleme nicht voran. Doch haben viele Athener bereits eine Meinung darüber, wie die Spiele 2004 sein werden, und da bricht bei vielerlei Skepsis Hoffnung durch. "Ich bin mir nicht ganz sicher, dass sie so organisiert sein werden wie die Spiele in Sydney 2004. Ich bin mir aber sicher, dass sie sehr menschlich sein werden", sagt einer. Ein anderer meint: "Wir können Olympia hier im Ursprungsort neuen Glanz verleihen. Aber nicht mit gigantischen Bauten und glänzenden Paraden."

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