Olympische Versagensängste
Nervenflattern im Wasserstrudel

Für die heimischen Wassersportler geht es bei diesen Spielen längst nicht mehr nur darum, Medaillen zu gewinnen. Alle vier Jahre, pünktlich zu den olympischen Spielen, scheint sich ein Fluch auf die Athleten aus Deutschland zu legen – allen voran die Schwimmer.

PEKING. Als sie nach ihrem Vorlauf über 4 x 100-Meter-Freistil durch die Katakomben des National Aquatic Center laufen, sind sie die einzigen, die Socken, Turnschuhe und Trainingsjacke tragen. Die anderen kommen barfuß und im nassen Badeanzug. Und als einzige, wollen sie keine Frage beantworten: Britta Steffen, Antje Buschulte, Daniela Götz und Meike Freitag lassen nur mitteilen, dass sie jetzt regenerieren müssten. Schließlich seien sie den Vorlauf in Bestbesetzung geschwommen, die anderen nicht. Ihr Abgang wirkt hektisch. Kein Lächeln, nur Versagensängste sind in ihren Gesichtern zu lesen.

Auch, weil der Medaillenkandidat Stefan Schumacher 56 Kilometer vor dem Ziel entnervt sein Rad abstellte und Favoritin Sonja Pfeilschifter erst 23 Mal die Zehn traf, dann aber viermal daneben zielte, hat sich schon am ersten Wochenende dieser Spiele ein Fluch auf die deutsche Mannschaft gelegt, dem vor allem die Schwimmer, seit sie 1992 letztmals Gold gewannen, regelmäßig alle vier Jahre erliegen. Schon vor dem gestrigen Finale musste man fürchten, dass es der Staffel nicht gelingen würde, den zweiten Platz aus dem Vorlauf zu bestätigen.

Am Ende wurden sie nur Fünfte. Und während sie regenerieren, schwimmen die anderen Rekorde. So wie der Amerikaner Michael Phelps und die Australierin Stephanie Rice über 400-Meter-Lagen, oder Kirsty Coventry aus Zimbabwe, die selbst hinter Rice noch unter der alten Bestmarke blieb, oder der Norweger Dale Oen, der über 100-Meter-Brust Europarekord schwamm.

Für die deutschen Schwimmer geht es bei diesen Spielen längst nicht mehr nur darum, Medaillen zu gewinnen, sie sollten aber bei Olympia in der Lage sein, schneller zu schwimmen als sie es beispielsweise bei den Deutschen Meisterschaften im April in Berlin fertig gebracht haben. Bestzeit müsse es in Peking schon sein, um überhaupt eine Chance zu haben, predigt DSV-Sportdirektor Örjan Madsen in diesen Tagen immer wieder.

Im Staffel-Finale waren die vier deutschen Frauen in etwa so schnell wie bei der WM 2007 in Melbourne. Britta Steffen schwamm als Startschwimmerin sogar Olympischen Rekord, blieb aber 0,33 Sekunden über ihrem Europarekord. Helge Meeuw ist im Vorlauf zum 100-Meter-Rücken ausgeschieden, die Männerstaffel im 4 x 100-Meter-Freistil und Sarah Poewe über 100-Meter-Brust. Seit Melbourne sind 54 Weltrekorde gefallen. „Man kann nicht schneller schwimmen als man kann“, sagt Madsen. „Und mehr können wir nicht, damit müssen wir uns abfinden.“ Steffen sagt, sie habe „mehr gewollt als gekonnt“, aber sie weiß längst, dass sie es so nicht schaffen wird, über ihre Strecke, die 100-Meter-Freistil, eine Einzelmedaille zu gewinnen.

Seite 1:

Nervenflattern im Wasserstrudel

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%