Olympischer Fackellauf
Unreine Kräfte

Ob in den USA, Südkorea oder Großbritannien - der olympische Fackellauf wird auf seinem Weg nach China von heftigen Protesten begleitet. In Nordkorea dagegen bejubelten die Massen einhellig das olympische Feuer. Machthaber Kim Jong-Il ließ sich persönlich aber nicht blicken.

TOKIO. Mit Fackeln hat Nordkorea Erfahrung. Zum 75. Jahrestag der Gründung seiner Volksarmee vor genau einem Jahr ließ Machthaber Kim Jong-Il Hunderttausende von Fackelträgern aufmarschieren, die in nächtlicher Dunkelheit erstaunliche Choreografien vorführten. Für den olympischen Staffellauf kam nur eine einzige Fackel - doch wie erwartet lief alles perfekt. Nordkoreanische Fernsehbilder zeigten mehrere Tausend glücklich strahlende Menschen, die der Fackel in den Straßen Pjöngjangs zuwinkten. Auch Chinesen waren vertreten und schwenkten die eigenen Fahnen.

Auf den zwei vorangegangenen Stationen in Ostasien hatte das noch anders ausgehen. Südkoreanische Tibet-Freunde lieferten sich in Seoul heftige Prügeleien mit den 8 000 anwesenden Polizisten. Die Heftigkeit der Proteste stand denen in den USA, Großbritannien oder Frankreich in nichts nach. Kein Wunder, denn Südkoreaner haben in den vergangenen 20 Jahren nicht nur eine besonders strenge Haltung gegenüber der Wahrung der Bürgerrechte kultiviert. Sie neigen auch zu besonders spektakulären Aktionen wie Selbstverbrennungen und Massendemos im Zentrum der Hauptstadt. Aufmärsche mit mehr als hunderttausend Teilnehmern sind daher auch im Süden des Landes nicht selten - bloß unter völlig anderen Vorzeichen.

Auch im ungleich braveren Japan knallte es, als die Fackel kam. Ursprünglich sollte der Lauf an einem buddhistischen Tempel starten, doch der Oberpriester sagte im letzten Moment aus Solidarität mit Tibet ab. Am Rande der geänderten Route prügelte sich dann ein Grüppchen von Chinesen mit japanischen Polizisten. Diese verteidigten vermutlich japanische Protestierende sowie einige Tibeter vor dem Zorn des Reichs der Mitte. Doch der Auftritt weckte auch Zweifel an den Tibetern. Ein Bursche sagte in die Kamera: "Unser Protest ist völlig friedlich, wie sich das für uns Tibeter gehört." Mit seiner Gesichtsbemalung in tibetischen Farben und seinem aggressiven Tonfall wirkte er allerdings eher gewaltbereit. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, auf welches Detail sich der japanische Fernsehsender TBS konzentrierte. Die Kameras zeigten ausführlich, dass der Standplatz der Chinesen hinterher komplett sauber war, während die Tibeter einige Verpackungen und Getränkedosen hinterlassen hatten. Hintergrund: In Japan sind alle Straßen makellos, obwohl es keine öffentlichen Mülleimer gibt. Ein Volk, das die Mülldisziplin nicht einhält, ist vielleicht doch nicht so vertrauenswürdig, könnte da ein Japaner denken.

In Nordkorea am Montag war natürlich ebenfalls kein Müll zu sehen. Staatschef Kim war nicht selbst gekommen, sondern hatte den Parlamentspräsidenten geschickt, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo berichtet. "Der geliebte Führer hat großes Interesse an dem Fackellauf", versicherte jedoch der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. "Während sich unreine Kräfte gegen den Gastgeber China stellen wollten und gestört haben, denken wir, dass das der olympischen Idee widerspricht."

Als Läufer hatte der Norden Pak Du-Ik aufgeboten. Pak hatte 1966 in dem nordkoreanischen Fußballteam mitgespielt, das bei der Weltmeisterschaft bis ins Viertelfinale gekommen war. Es versteht sich von selbst, dass die Fackel kaum bewacht wurde - anders als in Japan und Südkorea, wo angesichts früherer Proteste mehrere Frontlinien von Sicherheitsleuten um die Fackel herumjoggten. Der Lauf endete im Nationalstadion, wo noch weitere Zehntausend Menschen jubelten.

Nicht mit dabei war das Kinderhilfswerk Unicef. Ursprünglich sollte die internationale Organisation als eine Art Sponsor vertreten sein. Es sagte jedoch kurzfristig wieder ab - es sei nicht klar, ob das Ereignis tatsächlich helfe, auf die Lebensbedingungen von Kindern in der Dritten Welt hinzuweisen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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