Once-Profi wollte Tour gewinnen
„Ich hatte noch nie solche Angst“

Lance Armstrong bangte um sein Leben, als Joseba Beloki vor ihm bei Tempo 70 stürzte. Das Once-Team steht nach dem spektakulären Aus ihres Kapitäns unter Schock.

MARSEILLE. Es hört sich immer so banal an, wenn Jan Ullrich daran erinnert: "Wichtig ist, sturzfrei durchzukommen." Die Helden der Tour riskieren Kopf und Kragen, sei es im Massensprint auf der Zielgeraden, sei es in den Serpentinen der Abfahrten von den Alpen- und Pyrenäen-Gipfeln. Es geht um so viel beim größten und spektakulärsten Radrennen der Welt. Joseba Beloki war angetreten, Lance Armstrong zu schlagen und die Jubiläumstour zu gewinnen - und war zu schnell. "Joseba ist so gut drauf wie noch nie", hatte am Vorabend noch sein deutscher Edeldomestike Jörg Jaksche beteuert.

Sein Chef im spanischen Team Once hatte am Sonntag Armstrong, den Boss des Peloton, hinauf nach Alpe d'Huez mutig angegriffen. Dann die Dramatik, die am nächsten Tag alle Hoffnungen zerstörte. "Eine grausame Wende", titelte "L'Equipe". Der 29-jährige Spanier, Zweiter im Vorjahr, Dritter 2000 und 2001 und bis zum Malheur mit nur vierzig Sekunden Abstand zu Armstrong in aussichtsreicher Position, hatte sich bei seinem Sturz vier Kilometer vor dem Ziel in Gap rechte Hand, Ellenbogen und Oberschenkel gebrochen sowie die Hüfte verletzt. Der Ellenbogen wurde noch in der Nacht in Gap operiert. Zur Operation an der Hüfte wurde Beloki anderntags in seine Heimatstadt Vitoria geflogen.

Bilder der Verzweiflung und des Jammers: Beloki liegt am Straßenrand und schreit vor Schmerzen. Sein Helfer Jose Azevedo beugt sich über ihn. Team-Manager Manolo Saiz drückt den Kopf des weinenden Basken an die Brust. "Die ganze Arbeit für nichts", murmelt Saiz. "Joseba wollte die Tour gewinnen." Jörg Jaksche, der sofort aus der Favoriten-Gruppe ausscherte und anhielt, steht konsterniert an der Unfallstelle, nimmt über vier Minuten Zeiteinbuße und den Verlust seines Spitzenplatzes unter den ersten Zehn billigend in Kauf.

"Dafür werde ich bezahlt", sagte der Franke abends im Hotel Azur und hatte nur noch Gedanken für seinen unglücklichen Kapitän. "Joseba hatte viel Selbstvertrauen und wir hatten alle gedacht, dass er es dieses Jahr schafft. Jetzt steht die ganze Mannschaft unter Schock." Auf seiner grandiosen Flucht über 170 Kilometer war der 27-jährige Jaksche zeitweise als virtueller Tour-Leader durch die Provence gestrampelt. "Ich habe nur ans Gelbe Trikot gedacht." Nun war der Husarenritt lediglich noch eine Fußnote wert. Immerhin: Jaksche wurde mit der täglichen Kampfprämie "Coeur de Lion" (Löwenherz) ausgezeichnet.

Dramatische Stürze gehören in ihrer hundertjährigen Geschichte zur Tour de France wie grandiose Siege. 1960 stürzte der große Favorit Roger Riviere in einen Abgrund und erlitt Wirbelverletzungen, von denen sich der Franzose nie mehr erholte. Ende der Karriere. Luis Ocana, Anfang der siebziger Jahre der große Gegenspieler von Eddy Merckx, war 1971 im "Maillot Jaune" einen Abhang hinunter gefallen und musste aufgeben. Merckx gewann.

"So will ich keinen Rivalen verlieren", sagte Armstrong betroffen. Der Amerikaner hatte nach eigenem Bekunden einen Augenblick lang um sein Leben gefürchtet, als bei Tempo 70 Beloki plötzlich vor ihm rücklings auf der Straße lag. Geistesgegenwärtig wich er auf eine Wiese aus. "Ich hatte noch nie solche Angst", gestand er. "Es war in diesem Moment nur noch ein Reflex, um zu überleben." Vielleicht ist ihm sogar der Gedanke an den tödlichen Unfall seines Mannschaftskollegen Fabio Casartelli 1995 bei der Abfahrt vom Portet-d'Aspet durch den Kopf geschossen.

Sturzfrei durchkommen - Jan Ullrich weiß, wovon er redet. Vor zwei Jahren hatte auch der Bianchi-Kapitän in rasendem Tempo die Kurve nicht gekriegt, war spektakulär eine Böschung hinab gestürzt - und mit dem Schrecken davongekommen.

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