Online-Boom
Multimedia-Journalisten sind keine Blogger

Zahlreiche Verlage investieren in ihre Internet-Portale. Sie suchen gut ausgebildete Multimedia-Journalisten, während die Mitarbeiterzahlen in Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen eher schrumpfen. Der Grund: Im vergangenen Jahr ist der deutsche Online-Werbemarkt um 84 Prozent gewachsen.

DÜSSELDORF. Bei Spiegel Online herrscht Aufbruchstimmung. "Unsere Redaktion ist die am schnellsten wachsende in Deutschland", sagt Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron. Mehr als 60 Redakteure schreiben inzwischen für das Leitmedium im deutschsprachigen Netz - "Spon". Um im Bereich Online-Video Anschluss zu halten, baut der 46-Jährige ein achtköpfiges Video-Team gemeinsam mit Spiegel-TV auf.

So wie Blumencron geht es zahlreichen Redaktionsleitern von Online-Angeboten. Sie suchen gut ausgebildete Multimedia-Journalisten, während die Mitarbeiterzahlen in Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen eher schrumpfen. Ein allgemeiner Trend, der als "Medienstrukturwandel" bezeichnet wird. Der Grund: Im vergangenen Jahr wuchs der deutsche Online-Werbemarkt um 84 Prozent und lag deutlich über dem durchschnittlichen Wachstum aller anderen Werbeträger von 5,1 Prozent. Für das laufende Jahr schätzen Experten laut dem Online-Vermarkterkreis im BVDW das Wachstum auf mehr als 30 Prozent.

Zahlreiche Verlage reagieren auf den Online-Boom und investieren in ihre Internet-Portale. "Wenn Medienhäuser mithalten möchten, müssen sie den Wandel schnell begreifen und Inhalte anders herstellen als sie dies heute tun oder andere Inhalte herstellen", sagt Mike Friedrichsen, Professor für Medienmanagement an der Universität Flensburg. Zwar gebe es immer noch ein gewisses Verlangen nach haptischen Erlebnissen - etwa bei Zeitschriften. Insgesamt werde die Autorenschaft aber künftig in erster Linie für digitale Medien arbeiten - besonders, wenn sie junge Leser erreichen möchte.

Auch organisatorisch wandeln sich Redaktionen derzeit. Der Redakteur, der in seinem Einzelbüro eine Geschichte recherchiert, gehört der Vergangenheit an. "Gute Geschichten werden crossmedial für Print und Online geplant", sagt Klaus Meier, Journalistik-Professor an der Hochschule Darmstadt. Er bescheinigt denjenigen Redaktionen die größte Zukunft, die ihre Themen in Teams planen und hält dies für den besten Weg, um zu organisieren, in welcher Form Geschichten auf der Internetseite und in der Zeitung gespielt werden. Dabei würden die Möglichkeiten des Mediums Online bei weitem noch nicht ausreichend genutzt, und neue Erzählformen fehlten auch. "Bevor sich Portale aber Gedanken über neue Web 2.0-Trends machen, müssen sie zunächst ihre Hausaufgaben erledigen und spannenden Journalismus bieten", moniert Spon-Chef Blumencron und weist darauf hin, dass häufig im Feuilleton von Zeitungen noch mehr Redakteure arbeiten als für die Website.

Dass die klassische Autorenschaft aussterben und reinen Organisatoren Platz machen wird, glaubt kaum ein Branchenexperte. "Es wird lediglich in der Summe viel weniger Journalisten geben", prognostiziert etwa Robin Meyer-Lucht, Medienberater und Leiter des Berlin Institute. Redaktionen würden künftig stärker mit Netzwerken von Themenexperten arbeiten. Einen weiteren Trend, dem zahlreiche Redaktionen folgen, hält er hingegen für unsinnig: Journalisten seien keine Blogger. Das Weblog sei ein möglicher Rückkanal - nicht aber ein ökonomisch sinnvoller Königsweg. "Auch künftig sind Journalisten dazu da, eine möglichst breite Masse zu erreichen und nicht, um sich in Diskussionen im Netz zu verstricken", sagt Meyer-Lucht. Idealerweise haben sie auf ihre Veröffentlichungen - ob in Print oder Online - so viel Feedback, dass sie gar nicht dazu kommen, ein Weblog zu führen.

Literatur: Steffen Range, Roland Schweins - Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet, wie das Web den Journalismus verändert. Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, ISBN: 987-3-89892-625-6 Eine gedruckte Version gibt es auf den Seiten der Friedrich-Ebert-Stiftung. Einzelexemplare des Gutachtens können kostenlos hier abgerufen werden. Bestellt werden kann auch per E-Mail: presse@fes.de, Bestellnummer: Puma 6054. Das PDF-Dokument steht unter www.fes.de/medienpolitik bereit. Die Autoren der Studie betreiben ein Blog für Qualitätsjournalismus unter werkkanon.blogspot.com

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