Online-Einkauf will gelernt sein: Maus klicken statt Schlange stehen

Online-Einkauf will gelernt sein
Maus klicken statt Schlange stehen

Freizeit ist für Führungskräfte Mangelware. Der Einkauf im virtuellen Supermarkt schafft zusätzlichen Freiraum.

DÜSSELDORF. Wer in der Woche 60 Stunden arbeitet, hat am Samstagmorgen die Wahl: entweder früh aufstehen und die langen Warteschlangen vor den Supermarktkassen vermeiden oder ausschlafen und anstehen.

Obwohl Thorsten Boersma an Arbeitstagen nie zu den Öffnungszeiten zum Einkaufen kommt, entscheidet er sich grundsätzlich fürs Ausschlafen. Wozu sollte er auch früh aufstehen? Sein Kühlschrank ist voll. Was noch fehlt, wird ihm zwischen elf und zwölf Uhr in die Wohnung geliefert. Die Bestellung dafür hat der Geschäftsführer der Firma Icubate bereits am Freitagvormittag am Computer aufgegeben - beim Online-Supermarkt. Manager Boersma gehört zu einer kleinen Gruppe von Verbrauchern mit chronischem Zeitmangel, die dort nicht nur Bücher und CDs bestellen, sondern auch Essen und Trinken, Staubsauger und elektrische Zahnbürste - rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche.

Doch bevor die online bestellte Einkaufstüte tatsächlich vor ihm steht, sind einige Probleme zu bewältigen. Die erste Hürde ist die Bestellung am Computer. Im realen Supermarkt an der Ecke ist es das Normalste der Welt: einen Einkaufswagen nehmen, durch die Gänge fahren, links und rechts Waren greifen und in den Wagen legen.

Was bei Aldi & Co wie im Schlaf funktioniert, muss im Online-Supermarkt erst geübt werden: Per Mausklick muss der Kunde die Produkte auswählen und in den virtuellen Warenkorb packen. Dabei hängt es von der Güte des Portals ab, ob man die Übersicht behält: Was liegt bereits im Warenkorb? Was kostet das zusammen mit den Liefergebühren? Ist das angepriesene Schnäppchen wirklich eins? Oder: Wo lösche ich, wenn ich versehentlich zehn Kilo Hühnerfrikassee bestellt habe?

Nicht bei allen Online-Portalen funktioniert das gleich schnell und gleich gut. Von zwölf getesteten Märkten gab die Stiftung Warentest im Oktober nur zweien die Note gut: otto-supermarkt.de und kaisers.de.

Bis zu 30 Minuten brauchten die Test-Käufer im Schnitt für eine Bestellung. Eine Zeit, in der man selbst eine Edeka-Warteschlange geknackt hätte. Andererseits kann man den Online-Einkauf auch vom Arbeitsplatz aus machen, an dem Manager ohnehin täglich mindestens 15 Minuten online sind, wie die Unternehmensberatung Iltis GmbH heraus fand. "Ein nicht zu unterschätzender Vorteil", sagt Boersma, der seine wöchentliche Arbeitszeit auf 65 Stunden schätzt, von denen er ein Drittel auf Dienstreise verbringt.

Außer dem Bestellvorgang prüfte Stiftung Warentest auch die Lieferung per Online-Supermarkt. Frisch und mit einwandfreier Verpackung sollte die Einkaufstüte zu Hause oder im Büro ankommen. Weder Salat, noch Hühnerkeule dürfen das Verfallsdatum überschritten haben, wenn der Verbraucher sie in die Hand bekommt. Die meisten Unternehmen bestanden diesen Test überwiegend gut. Auch mit der Pünktlichkeit gab es kaum Probleme. Manchmal jedoch lieferten die Unternehmen statt Rinderbraten eine Kalbshaxe oder Spätburgunder statt Edelzwicker. Da sollte man sofort reklamieren.

Was die Auswahl im Online-Supermarkt betrifft, sind die Meinungen geteilt. Manche Kritiker finden, dass es insgesamt zu wenig Produkte gibt. "Wir sind viel besser als ein normaler Laden", sagt dagegen Volker Kleibrink, Geschäftsführer bei Freude-am-Kaufen.de, einem sieben Mann starken Online-Supermarkt aus Krefeld, "denn wir erfüllen auch Sonderwünsche - wenn ein Kunde Suppengrün wünscht, kriegt er das, welcher Supermarkt macht das schon?"

Doch obwohl das Angebot an Lebensmitteln im Internet groß ist, wächst die Nachfrage nur langsam. Das berichtet shopping 24, einer Internettochter des Otto-Versands. Tilmann Gasser, Unternehmensberater bei PricewaterhouseCoopers, bestellt im Netz bislang hauptsächlich Reisen und CDs, während er bei Lebensmitteln skeptisch ist: "Ich koche gerne und da möchte ich mir die Zutaten vorher genau anschauen".

Anfassen sei nicht nötig, finden dagegen andere Internet-Shopper, wie Thorsten Boersma: "Wenn ich einmal mittelalten Gouda-Käse online bestellt habe, weiß ich doch, wie der aussieht". Immerhin räumt auch Gasser ein: "Den Blumenstrauß, den ich für meine Mutter online bestellt habe, hätte ich im Laden auch nicht schöner aussuchen können." Abgesehen davon hätte er es auch gar nicht gekonnt. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich nämlich auf Dienstreise.

Dass man ein Produkt auch kaufen kann, ohne es vor Augen gehabt zu haben, gilt nach Ansicht von Boersma besonders für Nicht-Lebensmittel: "Wenn ich Markenartikel kaufe - Turnschuhe von Nike oder eine Outdoorjacke von Northface, brauche ich sie nicht anzufassen, da vertraue ich auf die Markenqualität". Entscheidender Vorteil am Online-Shopping ist für ihn die Möglichkeit die Produkte miteinander zu vergleichen. "Wenn ich beispielsweise unter www.ciao.com oder www.dooyoo.de einen Palmtop suche, finde ich 20 verschiedene Empfehlungen. In einem Laden bekomme ich nur ein Gerät zum Kauf empfohlen". Ein weiterer Zusatznutzen im Internet sind die Kaufempfehlungen anderer Kunden. Bei amazon.de oder bol.de heisst es dann auf den verschiedenen Bestellseiten: "Käufer, die dieses Buch gekauft haben, haben auch jene Bücher gekauft."

Auch Preise für Produkte lassen sich online leicht vergleichen. Wer allerdings auf der Suche nach dem besonderen Schnäppchen auf den Seiten von Kleinstanbietern landet, hat schon mal Pech: Statt der gewünschten Vorzugspackung von Braun, kommt gar nichts - nicht mal eine E-Mail. Um alle Vorzüge des Online-Kaufs auszuschöpfen, sind also Routine und Vertrauen zum Internet nötig. Die hat Bernd Heusinger, Geschäftsführer der Werbeagentur "Zum Goldenen Hirschen". Im Netz bestellt er "auf jeden Fall Pizza und Wein". Bei Kaisers.de oder Freude-am-Kaufen.de überwiegen Nutzer aus Kanzleien, Vermessungs- oder Medienbüros. Besonders die gut verdienenden Arbeitskräfte der IT-Branche zählen zu den häufigsten Kunden, fand shopping 24 heraus.

Leider zeigt auch der beste Online-Service derzeit noch ein großes Manko: die eingeschränkten Liefergebiete. Hauptsächlich in Ballungsgebieten tummeln sich die Online-Shops. Für die übrigen zeitnotgeplagten Vielarbeiter heißt es deshalb nach wie vor Samstag vormittags: früh aufstehen und schnell im Laden einkaufen oder mal wieder richtig ausschlafen und Schlange stehen.

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