Online-Einkaufsauktionen konkurrieren mit großen Web-Börsen
Firmen starten Auktionen in Eigenregie

Viele große Online-Marktplätze kommen nur schwer ans Laufen. Immer mehr Unternehmen starten deshalb Web-Auktionen in Eigenregie - eine Chance für Unternehmen wie Goodex, Portum oder Econia. Sie verstehen sich nicht nur als Marktplatzbetreiber, sondern auch als persönlicher Einkaufsberater.

FRANKFURT/M. "Wir müssen jetzt sparen, nicht später", sagt Helmut Lechleitner, Einkaufsleiter der Süwag Energie AG. Deshalb hat die RWE-Tochter den Alleingang beim so genannten E-Sourcing gewagt, dem Online-Einkauf strategischer Produktions- und Investitionsgüter.

Denn eigentlich liegt es nahe, dass die Süwag über Eutilia.com einkauft, dem europäischen Marktplatz, den zwölf große Versorger - darunter auch die Süwag-Mutter RWE - eingerichtet haben. Noch ist Eutilia.com nicht in Fahrt. Es wird bis zum 1. Quartal 2002 dauern, bis das Geschäft aufgenommen wird, sagt Andre Lanning, Chief Commercial Officer bei Eutilia.

Der Energieversorger Süwag hat deshalb zur Selbsthilfe gegriffen und eigene Web-Auktionen arrangiert. Blockheizkraftwerke, Netztrafos, Kombiwandler und Leistungsschalter wurden in vier Auktionen eingekauft - was keine ganz leichte Übung war.

Denn zur völligen Überraschung drückte bei der Online Reverse Auction ein Lieferant sein Angebot für zwei Transformatoren um beinahe 50 % nach unten. Bei dieser umgekehrten Auktion per Internet (Reverse Auction) wird von einem gegebenen Preis aus abwärts geboten, der günstigste Anbieter bekommt den Zuschlag.

Die Einkäufer der Süwag AG und der Auktionsleiter der veranstaltenden Goodex AG erkannten jedoch schnell, dass es sich bei diesem vermeintlichen Schnäppchen um einen Eingabefehler handeln müsse. Daraufhin wurde der Eintrag gelöscht, die Auktion in der Hauptverwaltung in Frankfurt verlief danach in normalen Bahnen. Zum Schluss lag der Zuschlag für ein Bündel aus drei Netztrafos dann um 5,35 % unter dem Ausgangswert von 1 435 000 Euro.

Dass auch Tochterunternehmen großer Konzerne ihre Web-Aukionen selber organisieren, kommt Volker Pyrtek, Finanzvorstand der Goodex AG, Bonn, sehr entgegen. Goodex stellt die Auktionsplattform und den Service, Lieferanten werden in die Feinheiten der Onlineauktion und die Software eingewiesen. Dafür gibt es eine Gebühr. Goodex liefert die Infrastruktur, der Einkäufer das Branchen-Wissen.

Das über die Goodex gehandelte Volumen hat 1,2 Mrd. Euro erreicht. Jüngst endete das nach eigenen Angaben bislang längste Onlinebietverfahren überhaupt erfolgreich: 16 Stunden Bieterwettbewerb auf der Goodex-Plattform ergaben einen Zweijahreskontrakt über 150 000 Fernmeldemasten mit einem Preisnachlass von 22 %.

Doch der sichtbare Trend zu spezialisierten branchenbezogenen Märkten könnte Firmen wie Goodex, Portum AG oder die Kölner Econia AG bedrohen. Letztere hat schon vom Marktplatzbetreiber auf Beratung umgesattelt. So sollen bald im Auftrag der Autoplattform Covisint Lieferanten an E-Sourcing herangeführt, geschult und beraten werden - damit bei Covisint das Europa-Geschäft in Gang kommt.

Über kurz oder lang wird der Umsatz den Großen gehören, ist Eutilia-Manager Lanning sicher: "Allgemeine Marktplätze haben die Technologie, aber nicht das Branchen-Wissen", kontert er. Damit will er die Unabhängigen aus dem Rennen werfen

.

Nur: Die Kunden wollen heute handeln. "Wir sehen einen großen Bedarf für eigene Lösungen", erklärt Gerald Heydenreich, Vorstandschef der Frankfurter Portum AG. Heydenreich sieht mindestens noch für zwei bis drei Jahre erheblichen Bedarf an Dienstleistung wie Analyse des Beschaffungs- oder Lieferantenpools sowie konkrete Auktions- oder Ausschreibungsvorbereitung. Erst dann werde der Online-Einkauf von Investitionsgütern zum Normalfall werden.

Den Zuschlag für die Süwag-Transformatoren hat übrigens ein krasser Außenseiter erhalten. Eine italienische Bieterin, Anna Caspii von der Elettromeccanica Tironi Srl, stach nach 105 Minuten und 29 Geboten quasi in der letzten Sekunde die bisherigen langjährigen deutschen Lieferanten eiskalt aus.

Das ist Tironis erster Auftrag für die Süwag und der zweite überhaupt für den Essener RWE-Konzern, weiß Lechleitner. Er will im kommenden Jahr mindestens 10 % seiner Investitionsgüter online einkaufen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%