Online-Tauschbörse habe "Riesenkundenbasis"
Bertelsmann-Chef würdigt Napster

Wenn Napster an die Börse gehe, seien Erlöse von mindestens 15 Mrd. $ zu erwarten, befürchtet Bertelsmann-Chef Middelhoff.

Reuters KÖLN. Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff hat die Musikindustrie aufgefordert, Geschäftsmodelle und gemeinsame technische Standards für den Internet-Vertrieb aufzubauen. Das Internet sei eine "großartige Chance für die Musikindustrie", sagte Middelhoff am Freitag in Köln in einer Gastrede auf der Musikmesse Popkomm.

In Anspielung auf das amerikanische Unternehmen Napster , dessen Software bislang das kostenlose Tauschen von Musiktiteln ermöglichte, sagte Middelhoff: "Die Datafile Exchange Technologie ist nicht mehr zu stoppen, auch wenn Napster durch Gerichtsbeschluss geschlossen wird. Wir müssen eigene legale Geschäftsmodelle entwickeln und für digitale Download-Konzepte schnell zu technischen Standards kommen." Eine "geschlossene Aktion" von Künstlern, der Musikindustrie und dem Handel sei dafür nötig.

Napster ist zurzeit weiter in Betrieb, nachdem ein Strafaufschub vor kurzem das gerichtlich angeordnete Abschalten der Online-Musikbörse verhindert hatte. Napster habe mit 14 000 Downloads pro Minute und einem Musiktitel-Katalog im Speicherumfang von drei Terrabyte eine gewaltige Marktmacht und eine "Riesenkundenbasis" aufgebaut, sagte Middelhoff weiter. "Das ist jedoch unter illegaler Ausnutzung der Urheberrechte geschehen", ergänzte der Bertelsmann-Chef. Er bezeichnete diese Entwicklung als "sehr sehr bedenklich".

Sollte Napster an die Börse gehen, seien Erlöse von "15, 20, 30 Mrd. $" zu erwarten, womit der Internet-Neuling eine theoretisch höhere Marktkapitalisierung hätte als die fünf wichtigsten Labels zusammen, sagte Middelhoff. Er sehe die Gefahr, dass sich Napster in diesem Szenario als Torwächter zwischen Künstler, Label und Konsumenten schieben werde - und die Preise für die Musik-Downloads dann nach Belieben bestimmen könnte. Auch die Filmindustrie sei von solchen Szenarien bedroht.

Er glaube jedoch nicht, dass Künstler künftig in großem Maß auf die Betreuung der Plattenfirmen beim Vertrieb verzichten würden. Es sei aber nötig, mit den Künstlern "innerhalb der nächsten zwölf Monate" die nutzungsrechtliche Basis für den Vertrieb ihrer Lieder über das Internet verbindlich zu klären. Das Fehlen solcher Lizenzen sei der Grund, warum das Bertelsmann-Projekt "musicdownload24.de" nur mit der vergleichsweise geringen Anzahl von 150 Musikstücken starten werde.

Laut Middelhof spielen Kosten keine so große Rolle

Das für die kommende Woche angekündigte kommerzielle Download-Projekt sieht Nutzungs-Gebühren von 2,99 bis 4,99 Mark pro Musikstück vor. Wer sich einen Titel nur einmalig über das Internet anhören möchte, soll nach den Vorstellungen der Bertelsmann Music Group (BMG) 29 Pfennig dafür bezahlen. Middelhoff vertrat die Ansicht, dem Musikkonsumenten sei es "nicht wichtig, ob das Herunterladen kostenfrei ist oder nicht". Es gehe vor allem darum, die gewünschten Stücke schnell zum Download zu finden.

Bei den Vergütungssystemen für Musik via Internet könne er sich Modelle vorstellen, die an das Pay-per-view-Prinzip des Bezahlfernsehens angelehnt seien. "Die Musikindustrie muss in Richtung Pay-per-Play denken und nicht Pay-and-play-forever", sagte Middelhoff. Im Jahr 2005 könnte der Anteil der digitalen Downloads am Gesamtumsatz der Musikindustrie "15 bis 20 %" erreicht haben, so seine Einschätzung.

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