Online- und Telefonhändler sollen in Betrugsfällen haften
Kreditkartenfirmen bringen Versandhändler in Bedrängnis

Die Kreditkartenunternehmen wälzen das Betrugsrisiko bei Bestellungen via Telefon und Internet auf die Einzelhändler ab. Wer dabei nicht mitspielt, muss mit Vertragskündigung rechnen.

HANDELSBLATT, DÜSSELDORF. Deutschlands mittelständische Versandhändler müssen um ihre Existenz bangen. Denn das Inkasso per Kreditkarte, eine der wichtigsten Bezahlarten vor allem für Internet-Händler, steht auf der Kippe. Die Kreditkarten-Agentur Euro-Kartensysteme, die im Auftrag von Visa und Mastercard Verträge mit den Händlern vermittelt, hat seit Juni 500 Versandhändlern gekündigt. Das Betrugsrisiko, so die Begründung, sei der Gesellschaft inzwischen zu hoch.

Doch dies ist nach Auskunft von Euro-Kartensysteme-Geschäftsführer Jan Hendrikx nur der "erste Stoß". Weitere Kündigungen, gerade von mittelständischen Händlern, seien unvermeidlich.
Ein Urteil des Bundesgerichtshofes vom April ist Schuld an diesem rabiaten Vorgehen. Die Karlsruher Richter hatten damals dem Kreditkartenunternehmens B+S Card Service GmbH untersagt, den Händlern pauschal - wie in der Branche üblich - das Risiko eines Kartenmissbrauchs anzulasten.

Für Euro-Kartensysteme spielt indes die Zahl der tatsächlichen Betrugsfälle bei den inzwischen ausgesprochenen Kündigungen nur eine untergeordnete Rolle: "Wir waren 11 Jahre lang Kunde bei Euro-Kartensysteme", erklärt Jürgen Müller, Geschäftsführer von International Star Registry. Seine Firma erlaubt Kunden per Internet für einen Kostenbeitrag von 130 Euro, namenlose Sterne zu taufen. In den Sternen steht nun aber auch, wann Müllers Firma wieder Kreditkarten-Zahlungen akzeptieren wird. Dabei ist sich International Star Registry keiner Schuld bewusst: "Wir hatten kein einziges Mal Probleme mit Kreditkartenbetrug."

Viele halten deshalb das BGH-Urteil für einen Vorwand, sich von wenig rentablen Kunden zu verabschieden. "Man wollte sich vermutlich von kleinen, unliebsamen Kunden trennen", so Stefan Schneider, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE).

Der Zeitdruck auf die Online-Händler - die Verträge laufen heute aus - nutzt Euro-Kartensysteme nun geschickt, um die Forderungen der BGH-Richter auszuhebeln. Per Individualvereinbarung sollen sie das Ausfallrisiko wieder auf sich nehmen. "Mit 200 Gekündigten haben wir uns schon auf eine Vertragsänderung geeinigt", sagt Hendrikx. Doch die Initiative müsse von den Händlern ausgehen.

Auch andere Kreditkartengesellschaften erhöhen Druck

Auch andere Kreditkartengesellschaften folgen dem Beispiel von Euro-Kartensysteme: Ein Händler, der lieber anonym bleiben will, hatte sich nach der Kündigung bei Euro-Kartensysteme an den Konkurrenten B+S gewandt. Doch auch dort erhielt er nur einen Vertrag, nachdem er eine solche Sondervereinbarung unterzeichnet hatte.

Karin Stäbler, Geschäftsführerin des von Euro-Kartensysteme gekündigten Textilhandels Calida-Shop-Reich.de, ist von dieser Entwicklung wenig begeistert. "Ich glaube, dass große Kreditkartenunternehmen besser auf Betrüger reagieren können als wir." Dennoch will sie nicht auf den Kreditkartenvertrag verzichten: "Die meisten unserer Kunden zahlen per Kreditkarte. Mit Nachnahme, Bankeinzug und den neuen Online-Zahlungssystemen sind sie weniger zufrieden."

Insgesamt bieten 44,9 % der Online-Händler laut einer Studie des Institutes für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung in Karlsruhe die Zahlung per Kreditkarte an. "Und der Anteil der Kreditkartenzahlungen ist bei den kleinen Händlern noch deutlich höher als bei den großen", sagt HDE-Justiziar Stefan Schneider.

Hoffnung auf ein Ende des Konfliktes gibt es zumindest im Internet: Die großen Kartensysteme tüfteln derzeit daran, Betrügereien auf ein Minimum zu reduzieren. Erst wenn solchen Sicherheitsstandards der Durchbruch gelingt, wären die Händler die Haftung wieder los.

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