Online verkaufen Versicherer kaum Policen, nun wollen sie mit E-Business Kosten senken
Assekuranz setzt auf Internet-Technologie

Die Versicherungswirtschaft lässt sich E-Business viel Geld kosten. Der erhoffte Erfolg bleibt bisher aus. Jetzt entdecken die Unternehmen das Internet als Instrument zum Kostensparen.

SEVILLA/DÜSSELDORF. Arbeitsminister Walter Riester (SPD) hat es mit der Rentenreform gut gemeint. Doch aus Anbietersicht ist die staatlich geförderte Zusatzrente bisher eher ein Ladenhüter, als ein Verkaufsschlager. Obendrein kostet die Abwicklung der Riester-Rente jede Menge Arbeit und Geld, vor allem wegen des notwendigen Ausbaus der Computersysteme. Die technischen Anforderungen an Versicherer steigen von Jahr zu Jahr. Konkret kalkuliert beispielsweise ein größeres Versicherungsunternehmen 3 500 Personentage, allein um seine Datenverarbeitung für die Abwicklung der komplizierten Riester-Renten fit zu machen. Das kostet locker zehn Jahresgehälter für Computer-Spezialisten.

Dabei müssen die Versicherungsunternehmen momentan sparen. Schließlich erlaubt der Wettbewerb nur begrenzt Preiserhöhungen, an den Kapitalmärkten ist nicht mehr so viel zu verdienen, wie früher und Kunden wie Aktionäre sind anspruchsvoller geworden. Aus dieser Zwickmühle wollen sich die Gesellschaften nun ausgerechnet mit der kostspieligen Internet-Technologie befreien, die als Kostenkiller eingesetzt werden soll.

Verflogen ist längst die Euphorie, dass mit dem Internet direkt Geld zu verdienen ist. Ausnahmen, wie Huk24, bestätigen die Regel. Wer einmal die Geduld aufgebracht hat, per Mausklick eine Versicherung abzuschließen, ahnt, warum der Verkauf von Versicherungen im Internet kaum funktioniert. Selbst die Vertreter kritisieren, dass "die heutige Technik den Verkauf nicht unterstützt, sondern eher behindert." Ulrich Brock, Vize-Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK), ärgert sich ebenso wie die Kunden über lange Ladezeiten und umständliche Tarife.

"Trotz der nur mäßigen Verkaufserfolge im Internet, wird die Technologie die Geschäftsabläufe der Versicherer nachhaltig beeinflussen", erläutert Heinrich Dammann, bei IBM-Deutschland zuständig für den Versicherungsbereich. Auf dem diesjährigen IBM-Seminar für Versicherer Mitte Mai hat sich heraus kristallisiert, dass die Vorteile der Internet-Technologie hinter dem virtuellen Schaufenster liegen. Über ein und die gleiche Technologie können Tochtergesellschaften, Agenturen, Lieferanten, Mitarbeiter und Kunden miteinander Geschäfte abwickeln. "Diese Integrationsfunktion der Internet-Technologie ist der Schlüssel zur Kostenersparnis", erklärt AMB-Generali-Chef Walter Thießen.

Seit 1994 sind die Betriebskosten in der Versicherungswirtschaft laut Verbandsstatistik von damals 23,1 Prozent der Beiträge kontinuierlich auf 27,2 Prozent im Jahr 2000 geklettert. Das heißt, die Kosten sind schneller gestiegen als die Einnahmen. Und der größte Block sind bei Versicherern Personalkosten, "das weist auf Rationalisierungsreserven hin", deutet Gothaer-Vorstand Herbert J. Schmitz die Richtung an. Ziel der Branche ist also, mit Hilfe der modernen Technik den Kostenanstieg in den Griff zu kriegen.

Ob die Technik diese Hoffnung erfüllen kann, bleibt abzuwarten. Einstweilen sind die Ausgaben für IT kontinuierlich gestiegen. Nach der jüngsten Erhebung des Gesamtverbandes liegen sie heute im Schnitt bei zwei bis drei Prozent des Umsatzes. Eine große Versicherungsgruppe, wie die AMB-Generali mit gut elf Mrd. Euro Beitragsaufkommen hat sich seine IT zuletzt reichlich 300 Mill. Euro im Jahr kosten lassen. "Kleinere Versicherer werden da nicht mithalten können", ist Thießen überzeugt.

Vorbei sind aber auch für die Großen die Zeiten, in denen sie IT-Projekte anstießen, ohne die Investitionen zu hinterfragen. "Wir haben an jedes Projekt eine Reißleine angebracht", gesteht Friedrich Wöbking, Vorstand für IT beim Marktführer Allianz. Und diese Leine hat er auch schon mal gezogen. Zum Beispiel als er ein Projekt im Industriegeschäft in Kalifornien gestoppt hat.

"Einige Gesellschaften reduzieren auch schon ihre IT-Budgets", weiß Fred Wagner, Professor an der Uni Leipzig. Beispielsweise gibt die Gothaer-Gruppe nach Angaben von Ron van het Hof, Chef der Gothaer-Tochter Asstel, in diesem Jahr etwa ein Viertel weniger für IT aus als im Vorjahr. "Wir spüren schon, dass die Projekte kritischer geprüft werden", muss denn auch Ulrich Wolf einräumen, Generalbevollmächtigter der IBM Deutschland GmbH und zuständig für die Versicherungsbranche. IBM ist in der Assekuranz nach eigenen Angaben der führende Lieferant von IT; die Branche zählt zu den größten Kunden. Genaue Zahlen werden jedoch nicht veröffentlicht.

Die Sparmaßnahmen der Versicherer treffen die Computerbranche in einer schwierigen Marktsituation. Nach den Investitionen rund um den Jahrtausendwechsel, folgt nun offenbar eine Investitionspause. Selbst Riesen, wie IBM, sehen sich nach Jahren ungetrübten Wachstums gezwungen, Gewinnwarnungen heraus zu geben und weltweit Mitarbeiter zu entlassen. Dank Riester dürfte der Rückgang sich in Deutschland jedoch in Grenzen halten.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%