Optimisten erwarten Liquiditätsrally – Skeptiker warnen vor Japans langem Schatten
Asiens Börsen zwischen Hoffen und Bangen

Der Konjunktureinbruch in den USA und Japans Dauerkrise werfen dunkle Schatten auf Asiens exportabhängige Volkswirtschaften. Manche Investmentstrategen halten es für möglich, dass Zinssenkungen Asiens Börsen bald einen zweiten Liquiditätsschub geben.

HONGKONG. Weder der Kursverfall an der Nasdaq noch die arg gebeutelte Tokioter Börse haben die Optimisten in Asien völlig verstummen lassen. Hoffnungen ruhen nun auf einem neuen Liquiditätsschub durch Zinssenkungen. Denn bereits im Januar hatten die Märkte von Bangkok bis Seoul von der Liquiditätsrally profitiert, die die US-Notenbank mit ihren Zinssenkungen in Gang gesetzt hat. Die Verlierer des Jahres 2000 stehen plötzlich als Sieger da: Taiwan liegt mit 20 % im Plus, Korea mit 12 %. Salomon Smith Barney (SSB) erwartet eine Neuauflage der Zinsrally, sollte US- Notenbank-Chef Alan Greenspan den Geldhahn weiter aufdrehen.



Optimisten vergleichen die Situation mit 1998. Damals senkte Greenspan die Zinsen rapide, um der Russlandkrise und dem Zusammenbruch des Hedge-Fonds LTCM den Wind aus den Segeln zu nehmen. Asien steckte in einer Rezession, niedergestreckt von der Finanzkrise. Aber die Börsen reagierten auf die Zinssenkungen positiver als anderswo auf der Welt.



"Wenn die Rally kommt, geht sie breit und heftig über alle Branchen und Märkte", meint SSB-Analyst Paul Chanin in Hongkong. Ob die Börsen Kursgewinne halten können, hängt aber davon ab, ob die US- Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte anzieht und sich die Gewinnsituation der Unternehmen verbessert. Deshalb warnt Chanin davor, zu aggressive Positionen zu beziehen.



Zinssensible Werte bevorzugt

Im Moment rät er, die defensiven Märkte Hongkong und Singapur überzugewichten und auf klassisch zinssensible Blue-Chips zu setzen: Bei Banken bevorzugt er Singapur, wo die Bewertungen niedriger sind; bei Immobilienwerten Hongkong. Aktien wie OCBC Bank oder Sun Hung Kai Properties dürften von Zinssenkungen direkt profitieren. In Taiwan und Korea rät Chanin zur Vorsicht bei riskanten Technologieaktien. Er mag hingegen asiatische Telekom-Werte. Sie leiden nicht unter den UMTS-bedingten Verschuldungsproblemen ihrer europäischen Gegenstücke und haben im Vergleich viel niedrigere KGVs. Die größten Stücke hält er auf SK Telecom und Korea Telecom.



Ins selbe Horn bläst SG Securities. Asienstratege Manu Bhaskaran überschreibt seinen jüngsten Report mit "Licht am Ende des Tunnels" und hält die Zeit sogar bald für reif, wieder bei Technologieaktien einzusteigen. Diese würden besonders von einem Liquiditätsschub profitieren. Bhaskaran sieht auch Zeichen für ein Anziehen der Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte und eine Entkoppelung Asiens von der Nasdaq. "Trotzdem spiegeln die Kurse immer noch extreme Risikoszenarien", sagt der SG Research- Chef für Asien. Chipfabriken wie TSMC, UMC und Chartered hält er für "extrem attraktiv bewertet".



Wie schnell aber Hoffnungen enttäuscht werden können, zeigte die zweite Gewinnwarnung des Chip- Riesen Intel innerhalb kurzer Zeit: Asiens Halbleiter-Werte gerieten sofort in den Strudel, und eine Reihe von Analysten revidierten ihre Erwartungen für die Branche prompt nach unten. Auch der "sichere Hafen" Hongkong ist in den letzten Tagen in die Knie gegangen. Die wichtige Unterstützungslinie von 13 700 Punkten hat der von Finanz-, Telekom - und Immobilienwerten dominierte Index gestern durchbrochen. Einige Technische Analysten sehen erst wieder bei 11 400 oder 9 400 Punkten langfristigen Halt. Vorsicht ist vor allem geboten, weil es die jüngsten US-Inflationsdaten fraglich erscheinen lassen, ob die Fed die Zinsen so aggressiv senken kann, wie bis vor kurzem noch erhofft. "Das dürfte unsere Märkte enttäuschen", gestand SSB-Asienstratege Han Ong ein.



Japan kurz vor dem Endspiel

Neben der US-Konjunktur hängt Japan als zweite große Unbekannte über den Märkten. Das Land steht nach Ansicht vieler Experten kurz vor dem Endspiel. Der Ausgang hängt davon ab, ob die Regierung die überfälligen Wirtschaftsreformen durchsetzt. Wenn ja, könnte sich der Nikkei-Index stabilisieren, der Yen-Verfall würde gebremst. Das würde die Nachbarmärkte stützen. Wenn nein, dann droht ein regionaler Abwertungswettlauf, bei dem Taiwan und Korea an erster Front stünden. Ziehen sich Auslandsanleger zurück, um Währungsverluste zu vermeiden, würde das die Kurse in den Keller ziehen, warnen Skeptiker.



Einer davon ist Sean Darby von Dresdner Kleinwort Wasserstein. In einer Research-Notiz schreibt er: "Asiens Märkte müssen sowohl aus fundamentaler als auch aus technischer Sicht Bullen-Markt-Glaubwürdigkeit erst noch etablieren." Darby sieht zwar Zeichen für eine Bodenbildung. Aber wann der Gewinn-Zyklus wieder anzieht, müsse sich erst noch weisen. Bei Hongkong- und China-Werten liebäugelt er sogar damit, Gewinne mitzunehmen.



Dazu riet gestern auch SSB-China-Analyst Charles Cheung: Japans Probleme könnten ärger auf das Land durchschlagen als erwartet, und das Gewinnwachstum der Unternehmen habe seinen Zenith überschritten. Kasse machen sollten Anleger deshalb bei Denway, Tingyi, Huaneng Power, China Merchants und China Resources.



Selbst falls Anleger bei einer Liquiditätsrally bald einen Schnitt machen, sollten sie rechtzeitig an Gewinnmitnahmen denken. "Kaufen und halten funktioniert in Asien nicht", warnt Chanin, "hier müssen Sie traden". Der Hauptgrund: Die Unternehmen übersetzen Wachstum traditionell nicht in Zunahme des Gewinns pro Aktie. Sie geben exzessiv junge Aktien aus, missachten Minderheitsaktionären und halten wenig von Corporate Governance. Der Ausweg: flinkes Rotieren zwischen Branchen und Ländern. Spätestens ab dem 3. Quartal sollten Anleger laut Chanin daher in Nordasien Gewinne mitnehmen und nach Australien transferieren. Die angelsächsische Investment- Mentalität dort nehme Share-holder-value ernst und bürge für stetiges Gewinnwachstum.



Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%