Optionsmaßzahlen geben Anlegern Orientierung bei der Auswahl der Scheine
Wetten auf High-Tech-Titel sind ein heißes Eisen

Eines hat sich in den letzten Tagen wieder gezeigt: Anleger, die Technologieaktien besitzen, müssen gute Nerven haben. Immer wieder brechen die Kurse unversehens ein. Ebenso schnell können sie allerdings auch nach oben schießen.

Viele Investoren wollen dies bewusst ausnutzen und mit Optionsscheinen überproportional an den Kursschwankungen verdienen. Bei der Auswahl der Papiere können sie sich an den Optionskennzahlen orientieren. Das Problem ist nur: Kaum ein Anleger blickt durch, wie er sich die Maßzahlen Delta, Gamma oder Theta zunutze machen kann.

Einzelne Kennzahlen sagen wenig aus

Viele schauen der Einfachheit halber auf die Kennzahl Hebel, obwohl die für sich genommen wenig aussagekräftig ist. Erst in Kombination mit dem Delta gibt sie Hilfestellung bei der Auswahl der Scheine. Außerdem sollten Anleger auf die implizite Volatilität (erwartete Schwankungsbreite der Kurse des Basiswertes) und den Abstand zwischen Kauf- und Verkaufspreis der Scheine (Spread) achten.



Bei Optionsscheinen denkt jeder spontan an die Hebelwirkung: Mit einem geringen Geldeinsatz - die Scheine kosten oft wenige Euro - kann man an starken Kursschwankungen der Aktien überproportional verdienen. Der Hebel wird errechnet, indem der aktuelle Preis des Basiswerts Aktie mit dem Bezugsverhältnis multipliziert und das Produkt durch die Optionsprämie geteilt wird. Er gibt an, um wie viel mal stärker die prozentuale Änderung der Optionsprämie ausfällt, wenn sich der Aktienkurs um ein Prozent verändert. Der Hebel beschreibt lediglich das Verhältnis des Kapitaleinsatzes beim Schein zum Einsatz beim Aktienkauf.



Dabei wird unterstellt, dass sich im Zeitablauf nur der innere Wert ändert (Differenz zwischen Aktienkurs und dem festgelegten Basispreis des Scheins). Folglich wird ein unveränderter Zeitwert (Zeitprämie) vorausgesetzt. Neben der Tatsache, dass der Hebel nichts über die mögliche Kursentwicklung des Scheins aussagt, ist dies der Hauptkritikpunkt an dieser Maßzahl: In der Realität ist der Zeitwert keineswegs konstant. Die Kennzahl ist nur dann aussagekräftig, wenn der Anteil der Zeitprämie am gesamten Preis des Papiers niedrig ist. Das trifft auf Scheine zu, die sehr tief imGeld notieren; bei Kaufoptionsscheinen (Calls) ist dies der Fall, wenn der Kurs weit über dem Basispreis notiert. Hier gilt: je höher der Hebel, desto mehr Risiko birgt das Papier.



Allerdings gibt es eine Möglichkeit, den Zeitwert einzubeziehen: Dafür ist das Delta geeignet. Es gibt an, um wie viel Prozent sich der Optionskurs tatsächlich verändert, wenn der Aktienkurs um einen Euro vorrückt oder fällt. Ein Call weist stets einen Deltawert zwischen null und eins auf, das Intervall für einen Verkaufsoptionsschein (Put) erstreckt sich von minus eins bis null. Je näher der Wert an der Zahl 1 liegt, desto stärker reagiert der Preis des Calls auf Schwankungen des Aktienkurses. Gewinnchance und Verlustrisiko steigen. Zieht der Aktienkurs bei einem Delta von 0,5 (50 Prozent) um einen Euro an, verteuert sich der Schein um 0,5 Euro; vorausgesetzt, das Bezugsverhältnis beträgt 1:1.

Das Delta dient zur Orientierung

Berthold Grünebaum von der DG Bank plädiert dafür, dass sich Einsteiger am Delta orientieren. Es komme darauf an, dass sie nicht automatisch bei billigen Scheinen zugreifen. Denn das sind meist Papiere, die aus dem Geld liegen (bei Calls notiert der Kurs unter dem Basispreis). Bei denen sind die Deltawerte oft niedrig, der Schein reagiert nur schwach auf Veränderungen der Aktie. Dann darf der Investor nicht enttäuscht sein, wenn die Aktie um zwei Prozent steigt, und sein Schein dümpelt vor sich hin.



Um den Hebel aussagekräftiger zu machen, wird er mit dem Delta multipliziert. Die Profis sprechen dann von effektivem Hebel, "Leverage" oder auch "Gearing". Diese Kennziffer zeigt, welche prozentuale Kursentwicklung der Schein bei einer gegebenen Performance der Aktie erwarten lässt. Ein Problem für den Anleger ist allerdings: Delta und Hebel ändern sich ständig - entsprechend den Kursschwankungen der Aktie. Daher sollte der Anleger seine Investmententscheidung von Zeit zu Zeit überprüfen.



Auch das annualisierte Aufgeld wird zur Orientierung herangezogen. An der Zahl kann man ablesen, was das Recht wert ist, eine Aktie über den Optionsschein zu beziehen; der Bezug ist teurer als der Kauf an der Börse, weil sich der Aktienkurs in die vom Anleger erwartete Richtung bewegen kann. Für im Geld liegende Scheine bedeutet ein Aufgeld von 7,8 Prozent, dass der Kauf der Aktie über den Call um diesen Prozentsatz teuer ist als der direkte Erwerb. Für die Kaufentscheidung ist die Kennzahl aber nicht ausschlaggebend. Das Gamma ist vor allem für fortgeschrittene Optionsscheinfans interessant. Die Zahl sagt aus, wie sensibel das Delta auf Änderungen des Aktienkurses reagiert. Je höher der Gammawert, desto instabiler das Delta. Indessen ist es für Einsteiger am Derivatemarkt auch sinnvoll, Theta-Werte unter die Lupe zu nehmen. Sie messen die Reaktion des Optionspreises auf die Restlaufzeit des Scheins. Für den Investor hat das Theta vor allem den Nutzwert, dass er weiß, dass sein Schein bei fortschreitender Laufzeit an Wert verliert, sagt Ralf Wandmacher, Optionsscheinexperte bei Goldman Sachs.



Nach Wandmachers Ansicht ist einer der wichtigsten Punkte jedoch, dass der Anleger bei der Auswahl der Scheine auf die impliziten Volatilitäten, die erwarteten Schwankungsbreiten der Basiswerte, achtet. Eine hohe Volatilität verteuert die Optionsscheine. Denn für den Emittenten ist das Risiko bei schwankenden Aktienkursen höher, dass sich die Papiere in die vom Käufer gewünschte Richtung entwickeln. Wichtig für die Optionsscheinfans: Wenn sie in turbulenten Börsenzeiten Aktien kaufen, ist das Risiko größer, dass die Volatilität irgendwann wieder von ihrem hohen Niveau zurück kommt. Das wird dann die Preise der Scheine drücken. Gerade bei Technologiewerten, die oft hohe Volatilitätswerte haben, sollten Anleger diesen Zusammenhang beachten.

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