Ordnungspolitik im Handelsblatt
Der Investitionsmotor stottert

Die fehlende Dynamik beim Sachkapital kann allenfalls durch den Ausbau des Humankapitals kompensiert werden

Die Bruttoanlageinvestitionen sind in Deutschland zwei Jahre in Folge in realer Rechnung mit 5,3 % und 6,7 % zurückgegangen. Für dieses Jahr wird eine Stagnation erwartet. Rechnet man die Bauinvestitionen heraus, so ist der Einbruch bei den Ausrüstungsinvestitionen, dem Motor der wirtschaftlichen Entwicklung, noch stärker. Sicherlich spielt die Konjunktur eine Rolle, aber hier ist Längerfristiges im Gange: Die Ausrüstungsinvestitionen des Jahres 2002 lagen zusammen mit den sonstigen Anlagen lediglich in etwa auf dem Wert von 1991. In einem ganzen Jahrzehnt gab es keine Zunahme. Die Investitionsquote - das sind die Bruttoanlageinvestitionen in Relation zum Bruttoinlandsprodukt - ist im langfristigen Trend stark rückläufig. Lag sie in der ersten Hälfte der siebziger Jahre noch bei 26 % - auch in den sechziger Jahren wurde etwa ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts investiert - , so machte sie im letzten Jahr noch 18,1 % aus, historisch der niedrigste Wert für die Investitionsquote. Die von der Gemeinschaftsdiagnose erwarteten Werte für 2003 und 2004 sind ähnlich.

Folgt man der Konvergenzthese, so haben wir es hier mit einem langfristigen Prozess zu tun. Die Möglichkeiten, durch die Kapitalakkumulation gegenüber den USA aufzuschließen, werden spärlicher. Indikatoren für die Kapitalrendite wie die Gewinn-Erlös-Relation, in den sechziger Jahren noch bei 8 %, sind kräftig gesunken; sie lag in den neunziger Jahren bei etwa 2,5 %. Wir bewegen uns sozusagen auf der Grenzproduktivitätskurve des Kapitals nach unten. Ein Teil des gleichen Bildes sind die geringeren jährlichen Zuwächse bei der Arbeitsproduktivität pro Stunde, die in den sechziger Jahren bei 5 % , in den siebziger Jahren bei 4 %, aber ab 1980 bei nur 2 % und seit 1995 bei 1,5 % liegen.

Zwar machen die öffentlichen Investitionen nur noch 1,6 % des Bruttoinlandsprodukts aus (2001), über den längeren Zeitraum seit 1970 ist diese Quote aber nicht sehr markant gesunken, zumal die Auslagerung von inzwischen privatisierten Staatsunternehmen zu berücksichtigen ist. Der Anteil der Bauinvestitionen an den Anlageinvestitionen lag 1970 ähnlich wie heutzutage.

Relevanter kann da schon zu Buch schlagen, dass deutsche Unternehmen heute nicht nur einen Teil ihrer Belegschaft im Ausland haben - schon eine ganze Reihe mehr als die Hälfte - , sondern auch einen Teil ihres Kapitalstocks. Immerhin erreichten die jährlichen Direktinvestitionen der deutschen Industrie im Ausland im Zeitraum 1995 bis 2000 in Relation zu den Bruttoanlageinvestitionen in Deutschland den doch beachtlichen Wert von 39 %. Man muss deshalb die Frage aufwerfen, ob sich hinter der Investitions- und Wachstumsschwäche letztlich auch eine Standortschwäche verbirgt, die uns länger zu schaffen machen wird.

Schließlich würde ich meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass die technologische Dynamik nachgelassen hat. Und dass die Konzentration der deutschen Exportwirtschaft auf Produkte der mittleren Technologie - Automobil, Maschinenbau, Elektrotechnik und Chemie - in der langen Frist geeignet sein wird, die Abwesenheit der modernen Sektoren als Investitions- und Wachstumsmotor zu kompensieren.

Was folgt aus dieser Bestandsaufnahme? Eine erste Konsequenz ist, dass die Sozialpolitiker erkennen müssen, dass sich in der wirtschaftlichen Basis, die den Sozialstaat trägt, etwas Grundlegendes geändert hat. Dabei braucht man den Begriff der Globalisierung noch nicht einmal zu bemühen. Der Wohlfahrtsstaat ist auf das Wesentliche zu beschränken, also auf die Absicherung der großen Risiken, die der Einzelne nicht selbst tragen kann.

Eine zweite Konsequenz lautet, dass wir nach Wegen suchen müssen, die neue technologische Impulse erschließen können. Dabei muss die "corporate governance", also die Form der Entscheidungsfindung in der deutschen Wirtschaft, auf den Prüfstand. Dies bezieht sich auf die banken-, aber nicht marktgeleitete Kontrolle der Unternehmen ebenso wie auf das deutsche Modell der Mitbestimmung in den Aufsichts- und Betriebsräten. Man muss sich mit der Hypothese auseinander setzen, dass diese institutionellen Formen für eine aufholende Volkswirtschaft mit großen Zuwächsen und oft nur mit marginalen Verfeinerungen bestehender Technologien konzipiert wurden, aber nicht oder weniger gut geeignet sind, wenn umfassende Veränderungen und große innovative Sprünge notwendig werden, mit denen sich wieder ein höherer Wachstumspfad erreichen lässt.

Zu diesen institutionellen Neuanstößen zählt auch die grundlegende Überprüfung des Systems, das mit der Qualifizierung der Menschen und dem Zustandekommen von technischem und organisatorischem Fortschritt ursächlich verknüpft ist, nämlich der Universitäten. Dieses System ist nach dem Wettbewerbsprinzip zu organisieren.

In einem solchen Ansatz könnte dann auch Hoffnung aufkeimen, wenn nämlich die Investitionsschwäche beim Sachkapital lediglich ein Indikator dafür ist, dass in der Informations- und Wissensgesellschaft der Zukunft das Humankapital die treibende Kraft für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstandsmehrung sein wird. Dann wäre der Rückgang der Investitionsquote beim Sachkapital hinzunehmen, und zwar, wenn es uns gelingt, das physische Kapital in seiner Funktion als Wachstumsfaktor durch Humankapital zu ersetzen.

Lässt man diese Perspektiven Revue passieren, so sieht man, wie eng die Agenda 2010 angelegt ist. Sie ist bemüht, einige der erkennbaren Hemmnisse und Fehlsteuerungen am Arbeitsmarkt in einem ersten Schritt anzugehen. Die große Modernisierung Deutschlands ist damit nicht konzipiert.

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