Ordnungspolitik im Handelsblatt
Der Preis der Ausbildung

Lehrlinge müssen sich für Unternehmen auch rechnen.

Wenn junge Menschen ins Berufsleben einsteigen wollen und Zehntausende keinen Ausbildungsplatz finden, ist das nicht hinnehmbar. Zu Recht fühlen sich nicht nur die Eltern, sondern auch die Wirtschaftsverbände, die Gewerkschaften und die Politiker bis hin zum Bundeskanzler herausgefordert. In großen Kampagnen werden Unternehmen aufgerufen, Ausbildungsplätze bereitzustellen, es werden Bundes- und Landesprogramme zur außerbetrieblichen Ausbildung in Gang gesetzt, und den Unternehmen wird mit Ausbildungsquoten und Ausbildungsabgaben gedroht, "falls sie ihrer Ausbildungspflicht nicht nachkommen".

In diesem Jahr haben die Bemühungen um Ausbildungsplätze eine neue Qualität erhalten, nachdem der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ein Drittel der Unternehmen in einer Talkshow öffentlich als Parasiten bezeichnete, weil sie ausbilden könnten, aber nicht ausbildeten. Außerdem lehnte er eine Ausbildungsabgabe ab, ließ aber erkennen, dass er sich mit einem von der Industrie zu speisenden Ausbildungsfonds anfreunden könne.

Damit erscheint die Verantwortung für Ausbildungsprobleme klar den nicht ausbildungswilligen Unternehmen zugewiesen zu sein. Dieser Diskussionsstand muss zumindest einige Unternehmer, aber auch Ökonomen und Politiker irritieren.

Mit den Funktionsbedingungen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems passt diese Verantwortungszuweisung nicht zusammen. Es ist zwar verständlich, dass ein Verbandsvorsitzender den Bundeskanzler darin unterstützt, jungen Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen. Es ist auch verständlich, dass der Verbandschef enttäuscht ist, wenn ein Teil der Mitgliedsunternehmen seinem dringenden Appell, mehr auszubilden, nicht folgt.

Aber wie will er den inzwischen weit verbreiteten Vorwurf begründen, Unternehmen hätten eine Verpflichtung, Ausbildungsplätze bereitzustellen, und wer dieser Verpflichtung nicht nachkomme, verhalte sich parasitär, eigne sich Vorteile an, die ihm nicht zustünden?

In der Sozialen Marktwirtschaft schließen Auszubildende und Unternehmen freiwillig Verträge. Vertragsfreiheit beinhaltet auch die Möglichkeit, einen Vertrag nicht abzuschließen, weil man mit den Bedingungen nicht einverstanden ist. Wenn eine größere Anzahl von jungen Menschen keinen Ausbildungsvertrag bekommt, muss die Frage gestellt werden, ob das daran liegen könnte, dass die Ausbildungsvergütungen zu stark angehoben, die Nettozeiten in den Betrieben zu sehr verringert oder Auflagen verschärft worden sind. Es ist daran zu erinnern, dass das Lehrgeld ursprünglich nicht vom Ausbilder, sondern vom Lehrling zu zahlen war.

Wenn ein Mangel an Lehrstellen besteht, ist es nahe liegend, die Bedingungen für die Ausbildungsbetriebe zu verbessern und es den potenziellen Lehrlingen und ihren Eltern zu überlassen, die vertraglichen Bedingungen auszuhandeln. Es wäre ein falscher Ansatz, jungen Menschen über Ausbildungsverträge ein Mindesteinkommen sichern zu wollen. Dieser soziale Aspekt ist von den Ausbildungsverträgen ebenso zu trennen wie von Arbeitsverträgen. Er wäre ohnehin nur für einen kleinen Teil der Auszubildenden relevant und lässt sich auf andere Weise auffangen.

Bleibt der Vorwurf des parasitären Verhaltens. Davon könnte man sprechen, wenn ein Unternehmer einen bereits Ausgebildeten einstellt und ihm weniger zahlt als den Betrag, den er mit dessen Arbeitsleistung am Markt erzielen kann. Das ist aber in der Marktwirtschaft schwer vorstellbar, weil der Unternehmer mit den Ausbildungsbetrieben und anderen Betrieben im Wettbewerb um den Ausgebildeten steht, so dass letztlich dem Ausgebildeten eine Vergütung gezahlt wird, die seinem Leistungsstand entspricht.

Bei freier Vertragsgestaltung könnte ein Lehrbetrieb sich damit einverstanden erklären, in der Ausbildungsphase eine Vergütung zu zahlen, die deutlich höher liegt als der Wert der Gegenleistung, wenn der Auszubildende sich verpflichtete, einige Jahre zu einem ermäßigten Lohn in dem Betrieb weiterzuarbeiten. Bei einem vorzeitigen Ausscheiden wären die Ausbildungskosten von dem Ausgebildeten oder dem aufnehmenden Betrieb anteilig zurückzuzahlen.

Der Ausbildungsbetrieb würde dem Auszubildenden quasi einen Kredit einräumen, der später durch einen entsprechend geringeren Lohn kompensiert oder zurückgezahlt werden müsste. Auch in diesem Fall würden nicht ausbildende Betriebe keine Vorteile auf Kosten anderer Betriebe erzielen, sondern sie würden die restlichen Ausbildungskosten übernehmen oder unmittelbar Marktlöhne zahlen.

Den Überlegungen in Richtung einer Ausbildungsabgabe oder eines Ausbildungsfonds liegt wiederum die Vorstellung zu Grunde, es gäbe eine Ausbildungsverpflichtung und wer dieser Pflicht nicht nachkomme, müsse zahlen. Aber die Grundidee, der nicht ausbildende Betrieb müsse sich an den Ausbildungskosten beteiligen, trägt nicht.

Denn mit der gleichen Argumentation könnte man von den Unternehmen eine Abgabe für die Nichtteilnahme an der Ausbildung von Hochschulabgängern verlangen. Tatsächlich kommt sowohl die Hochschulausbildung als auch die berufliche Ausbildung voll den jeweils Ausgebildeten in der Form eines entsprechend hohen Lohnes zugute und nicht den sie beschäftigenden Unternehmen.

Fazit: Im Interesse der jungen Menschen müssen die Bedingungen für Ausbildungsbetriebe verbessert werden. Auch Ausbildung muss sich letztlich rechnen. Die beste Lösung sind frei zu schließende Verträge, gerade wenn ein Mangel an Ausbildungsplätzen besteht.

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