Ordnungspolitik im Handelsblatt
Keine Exporte um jeden Preis

Deutschland hat im vergangenen Jahr Güter und Dienstleistungen im Wert von rund 750 Milliarden Dollar exportiert, und damit sogar absolut mehr als die USA. Noch eindrucksvoller ist der Vergleich, wenn man die Importe abzieht: Die deutschen Exportüberschüsse betrugen fast 150 Milliarden Dollar; in den USA überwogen dagegen die Importe um 1300 Milliarden Dollar.

Die hohen Exportüberschüsse und der starke Euro sind nach allgemeiner Auffassung ein Beweis für die Leistungsfähigkeit und internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Mit Sicherheit ist es ein Vorteil, wenn in einem Land Güter hergestellt werden, die in aller Welt begehrt sind, und wenn hohe beziehungsweise steigende Preise für diese Güter erzielt werden. Steigende Preise bei unverändertem Wechselkurs bedeuten, dass für eine Einheit eines im Inland erzeugten Gutes mehr Einheiten eines im Ausland erzeugten Gutes importiert werden können. Hierbei wird sichtbar, dass es auf das Austauschverhältnis ankommt und dass Güter exportiert werden, um im Gegenzug andere oder ähnliche Güter dafür einzutauschen. Es gibt kein originäres Interesse daran, einen Exportüberschuss zu erzielen, weil das ja bedeuten würde, dass auf den Gegenwert oder wenigstens auf den Gegenwert für einen Teil der exportierten Güter verzichtet würde.

Allerdings kann es sinnvoll sein, für exportierte Güter nicht unmittelbar im Gegenzug wieder Güter zu importieren, sondern beispielsweise Anteile an ausländischen Unternehmen oder ausländische Staatspapiere zu erwerben. Eine solche Kapitalanlage lohnt sich, wenn sie eine höhere Verzinsung bringt als eine Kapitalanlage im Inland. Es steht aber immer die Erwartung dahinter, dass das Ausland dafür in Zukunft mehr Güter zurückgibt als heute.

Anders gewendet: Dem Ausland zunächst einen Teil der Güter zu überlassen lohnt sich nur, wenn in Zukunft (mehr) Güter zurückfließen, wenn also später Importüberschüsse entstehen. Ein Land, das auf Dauer mehr exportiert als importiert, verschenkt einen Teil der produzierten Güter. Je höher der dauerhafte Exportüberschuss, umso mehr müssen sich die Bürger des betreffenden Landes einschränken. Ein Exportüberschuss in Höhe von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts würde den vollständigen Verzicht auf Konsum bedeuten.

Ein Exportüberschuss ist wie eine normale Kapitalanlage zu betrachten. Er lohnt sich nur, wenn die künftigen Konsummöglichkeiten eines Landes erhöht werden, wenn also mit dem gegenwärtigen Exportüberschuss ein wertmäßig höherer künftiger Importüberschuss erzielt wird. Das eigentlich Positive und Angestrebte sind die künftigen Importüberschüsse.

Zu relativieren ist auch die Vorstellung, Exportüberschüsse seien ein zuverlässiger Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit des Inlands als Standort für die Produktion international handelbarer Güter und Dienstleistungen. Das Gegenteil kann der Fall sein. Exportüberschüsse werden nämlich auch und gerade dann erzielt, wenn die Investoren den Standort Deutschland meiden. Sieht beispielsweise ein inländischer Unternehmer es nicht mehr als attraktiv an, in Deutschland zu investieren, und entscheidet er sich, Teile der Produktion nach China zu verlagern, so tauscht er Euro in Yuan, um die Investition in China zu bezahlen. Anbieter von Yuan und Nachfrager von Euro sind beispielsweise chinesische Importeure, die Waren in Deutschland kaufen. Dabei ist es gleichgültig, ob sie unmittelbar Investitionsgüter für den Bau der neuen Produktionsanlage kaufen oder ob sie sonstige Investitionsgüter und Konsumgüter importieren.

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