Ordnungspolitik im Handelsblatt
Lob des schnellen Bankrotts

Politiker aller Couleur jammern über die Pleitewelle in Deutschland. Aber für eine wettbewerbsfähige Volkswirtschaft ist ein scharfer Ausleseprozess in der Krise dringend notwendig.

Mit dem Bankrotteur machten die Amerikaner im 18. Jahrhundert nicht viel Federlesen: Nach dem "Pennsylvania Bancruptcy Act" von 1785 wurden die Delinquenten kurzerhand mit dem Ohr an ein Schandbrett genagelt. Eine Pleite war ein Verbrechen. Fast 200 Jahre später gaben sich die Amerikaner eine Insolvenzordnung, die lange Zeit als modernste der Welt galt: Mit dem so genannten Chapter 11 bekamen die Manager eines zahlungsunfähigen Unternehmens 1978 die Möglichkeit, ihre Firma vor dem Zugriff der Gläubiger zu schützen und in Ruhe zu reorganisieren. Die Pleite hatte ihren Schrecken verloren.

Die Bundesregierung richtete sich 1999 ausdrücklich nach dem Vorbild der USA, als sie bei uns eine neue Insolvenzrechtsordnung einführte. Bei allen Detailunterschieden übernahm Deutschland vor allem einen zentralen Gedanken: Die Fortführung eines Unternehmens und die Rettung von Arbeitsplätzen sollten Vorrang bekommen. Das passte in die Gedankenwelt sowohl der SPD wie großer Teile der CDU. Was die Gesetzgeber dabei übersahen: In den USA ist das große Vorbild Chapter 11 längst in Verruf geraten.

Die geltenden Pleiteregeln in den USA und Deutschland sind ein Musterbeispiel für das, was amerikanische Ökonomen ironisch das "Gesetz der unbeabsichtigten Folgen" nennen. Auf gut Deutsch: Es kommt immer anders, als die Politiker denken. Denn was passiert? Heerscharen von Anwälten und Wirtschaftsprüfern rücken nach den geltenden Regeln in den Mittelpunkt der Insolvenzverfahren, wie man im Fall Leo Kirch gegenwärtig gut beobachten kann. Sie haben jedoch kein ökonomisches Interesse an schnellen Lösungen. Die Folge: Viele Unternehmen werden durch die Insolvenzverwalter zusätzlich ausgeplündert, ohne dass die Gläubiger in der Praxis viel tun könnten.

Schlimmer noch: Die über 20-jährigen Erfahrungen in den Vereinigten Staaten zeigen, dass die Fortführung eines insolventen Unternehmens in der Regel nur sehr kurzfristig funktioniert - und die allermeisten Firmen am Schluss in einer zweiten Pleite landen. "Das rosige Szenario aus den Lehrbüchern der Law Schools, dass wirtschaftlich überlebensfähige Firmen aus den Pleiteunternehmen entstehen, findet man nur selten", schreiben die Ökonomen des renommierten Cato Instituts in Washington völlig zu Recht. In den USA diskutieren die Fachleute deshalb bereits seit einigen Jahren heftig über die völlige Abschaffung der bisherigen Chapter-11-Regeln. Und in Deutschland sollte eine ähnliche Debatte ebenfalls in Gang kommen. Denn auch bei uns hat sich das nach amerikanischem Vorbild eingeführte Insolvenzrecht als "schwer vermittelbar, kompliziert und bürokratisiert" erwiesen, wie das Bonner Institut für Mittelstandsforschung schon im letzten Jahr zu Recht monierte.

Pleiten sind in einer Marktwirtschaft grundsätzlich unvermeidbar. "Die wirtschaftlichen Probleme einer Gesellschaft sind hauptsächlich Probleme der raschen Anpassung an Veränderungen", schrieb Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen führt zu einem ständigen scharfen Ausleseprozess, den der Staat im Interesse einer gesunden Gesamtwirtschaft nicht behindern sollte. Staatliche Rettungsaktionen wie etwa 1998 beim Holzmann-Konzern sind deshalb genauso kontraproduktiv wie ein Insolvenzrecht, das eine schnelle Flurbereinigung in Krisenbranchen verhindert. In beiden Fällen führt die Rettung eines (meist großen) Unternehmens zwangsläufig zum Tod vieler anderer (meist kleiner) Unternehmen, weil die notwendige Kapazitätsanpassung unterbleibt.

Das Insolvenzrecht sollte die schnelle Anpassung an ökonomische Veränderungen bewusst fördern. Es sollte marode Firmen zum frühzeitigen Insolvenzantrag zwingen, solange noch Vermögenswerte vorhanden sind. Und die Be- und Verwertung vorhandener Vermögenswerte sollte man dem Markt überlassen. Insolvenzverwalter sind bei komplizierten Pleiten oft überfordert. Sie müssen sich auf den Rat des alten Managements verlassen, wie wiederum das Beispiel des Kirch-Imperiums zeigt. Der für Außenstehende intransparente Insolvenzprozess führt so nur allzu oft zum Missbrauch und zur Bevorzugung von Insidern. Gläubiger erhalten deshalb weniger Geld zurück, als bei einer schnelleren Verwertung möglich gewesen wäre. Die Folgen sind negativ für die Volkswirtschaft: Höhere Forderungsausfälle bei den Banken führen zu höheren Kreditkosten für die Masse der Firmen.

So paradox es auch in den Ohren von linken Sozialdemokraten klingen mag: Für die langfristige Sicherheit der Arbeitsplätze in einer Volkswirtschaft sind schnelle Pleiten unterm Strich besser als die langwierige Reorganisation zahlungsunfähiger Unternehmen. Die Erfüllung möglichst hoher Gläubigerquoten produziert eine bessere und billigere Kreditversorgung gerade im Mittelstand, wo am meisten Arbeitsplätze entstehen. Und der Markt kann vernünftiger als jeder Insolvenzverwalter beurteilen, welche Unternehmensteile überlebensfähig sind.

Amerikanische Ökonomen fordern deshalb ein Insolvenzrecht, das erheblich kürzere, feste Fristen für insolvente Unternehmen setzt. Der Insolvenzverwalter sollte sich auf eine Aufgabe konzentrieren: den Finanzstatus und die Vermögenswerte der Firma in kürzester Zeit so transparent wie möglich zu machen. Wie bei einem Börsengang sollten die Firmen dann als Ganzes oder in Teilen auf dem Kapitalmarkt zum Kauf angeboten werden.

Wer die "Sanierungsfunktion" des Insolvenzrechts einseitig in den Mittelpunkt rückt, wie erst in den USA und dann in Deutschland geschehen, schafft mehr Probleme, als er löst. Die gegenwärtige Pleitewelle, die bis zum Jahresende vermutlich 40 000 Unternehmen wegspülen wird, ist auch das Ergebnis falscher ökonomischer Anreize des geltenden Insolvenzrechts. Ganz ohne "Sanktionsfunktion" geht es nicht. Auch wenn niemand mehr den Bankrotteuren an die Ohrläppchen will wie 1785.

Bernd Ziesemer ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%