Ordnungspolitik im Handelsblatt
Maßanzug statt Konfektion

Die Weltwirtschaft hat sich in den letzten fünfzehn Jahren stets weiter geöffnet und ist marktwirtschaftlicher geworden. Davon profitiert, wer sich erfolgreich auf den harten globalen Wettbewerb einzustellen vermag. Auch wir Deutschen zählen zu den Gewinnern der Globalisierung: Unsere Exporte sind in jedem Jahr deutlich stärker gewachsen als unser Bruttoinlandsprodukt. Viele deutsche Unternehmen sind "global player" mit starken Standbeinen im Ausland, die ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern.

Die Globalisierung hat aber auch den Arbeitsmarkt einem weltweiten Wettbewerb ausgesetzt, was Deutschland vor gewaltige Probleme stellt, denn wir verdienen relativ viel Geld für relativ wenig Arbeit. Darauf reagieren deutsche Unternehmen, indem sie immer mehr industrielle Vorleistungen aus Niedriglohnländern importieren. Seit 1995 sind die Vorleistungsimporte um insgesamt 47 Prozent gestiegen, die inländische Industrieproduktion dagegen nur um vier Prozent.

Statistisch betrachtet, ist Deutschland zwar immer noch Export-, aber schon lange kein Wertschöpfungsweltmeister mehr. Und gelingt es uns nicht, den Faktor Arbeit und unsere Wirtschaftsstrukturen wieder wettbewerbsfähig zu machen, wird unser Land vielleicht bald Champion im Arbeitsplatz-Export.

Die Schuld an dieser Entwicklung trägt der Faktor Arbeit, der hier zu Lande im internationalen Vergleich zu teuer geworden ist: Erstens sind die Lohnzusatzkosten zu hoch, weil wir unsere sozialen Sicherungssysteme primär über den Faktor Arbeit finanzieren. Daneben verhindern Überregulierungen am Arbeitsmarkt den effizienten Einsatz des Faktors Arbeit. Zudem steigen die Arbeitskosten bei jeder Tarifrunde stärker als die Produktivität. Damit die Lohnstückkosten nicht ausufern, ersetzen die Unternehmen den Faktor Arbeit stetig durch mehr Kapital, was die Arbeitslosigkeit fördert.

Und wir leisten uns in Deutschland zu viel Freizeit. In der Schweiz etwa arbeiten Vollzeit-Beschäftigte wöchentlich zwei Stunden mehr als wir, urlauben aber jährlich rund eine Woche weniger. In Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden wuchs die Zahl der geleisteten Erwerbsarbeitsstunden in den letzten zehn Jahren beträchtlich, in der Bundesrepublik ging sie um sechs Prozent zurück.

Spätestens seit der Ost-Erweiterung der EU können wir diese Nachteile, die unter anderem Deutschlands strukturelle Wachstumsschwäche begründen, nicht länger ignorieren. Wir müssen die Arbeitskosten durch längere Arbeitszeiten und flexibleren Einsatz des Faktors Arbeit senken, ohne die verfügbaren Einkommen der Arbeitnehmer zu verringern.

Das heißt schlicht und ergreifend, mehr zu arbeiten bei gleichem Lohn. Ob die Arbeitskosten durch eine längere Wochenarbeitszeit oder weniger Urlaubs- und Feiertage sinken, ist nebensächlich. Aber wir benötigen branchen- und betriebsspezifische Lösungen, die den jahrzehntelangen Trend, immer weniger zu arbeiten, umkehren.

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