Ordnungspolitik im Handelsblatt
Mehr Freiheit für kluge Köpfe

In europäischen Ländern mit wenigen Einwohnern wurde bereits vor Jahren erkannt, dass ihre beste Chance im globalen Wettbewerb die Qualifikation jedes Einzelnen ist. Finnland ist ein besonderes Beispiel dafür, wie das Leitbild "Klasse statt Masse" konsequent im Bildungssystem umgesetzt wird. Jetzt sind die Finnen nicht mehr das Volk mit Elchen und Hundeschlitten, sondern das Volk mit Handys und Laptops. In den internationalen Bildungstests schneidet Finnland meist mit Bestnoten ab.

In Deutschland kann man hingegen - zumindest in einigen Bundesländern - den Eindruck gewinnen, dass "Masse" oft immer noch als "Klasse" gilt. Mit planwirtschaftlichem Ehrgeiz werden Studenten an schlecht ausgestattete Massenuniversitäten verteilt. Überforderte Lehrer treffen vielfach auf überfüllte Schulklassen in einem System, das die Kinder so früh nach ihrem Bildungsniveau selektiert, dass bei uns wie in kaum einem anderen europäischen Land gute Ausbildung eine Frage des sozialen Standes ist.

Teile der Politik verhalten sich so, als ob wir es uns noch leisten könnten, auf die Leistungsfähigkeit eines großen Teils der Bevölkerung zu verzichten. Die Folge: Die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss steigt seit Jahren und damit auch die Jugendarbeitslosigkeit. Gleichzeitig lässt die Innovationskraft unserer Wissenschaftselite nach. Entweder werden die Talente nicht rechtzeitig erkannt und gefördert, oder sie verabschieden sich nach ihrem Hochschulabschluss möglichst schnell mit einem Stipendium in die USA.

Dabei müssten wir das in Deutschland entstehende "Humankapital" mindestens genauso verantwortungsvoll behandeln wie die Steuergelder. Denn auch hier gilt das Prinzip der Generationengerechtigkeit. Mit heutigen Versäumnissen im Bildungswesen verspielen wir die Chancen unserer Kinder und Enkel. Dies gilt umso mehr in der aufziehenden demographischen Krise.

Dies ist die Ausgangslage für die aktuelle Debatte über den "brain drain", die Wissensflucht unserer größten Talente aus Deutschland, vornehmlich in die USA. "Der Trend zum ,brain drain? ist gestoppt", hat Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn kürzlich auf ein Thesenpapier erwidert, das führende Wissenschaftsexperten für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zu diesem Thema erarbeitet haben. Ihre Begründung: Die Zahl der ausländischen Studierenden in Deutschland steige von Jahr zu Jahr. Das wiederum ist das alte "Massen"-Argument. Es reicht eben nicht, einfach mehr Studenten aus dem Ausland anzuwerben. Es müssen auch die besten Studierenden sein.

Seite 1:

Mehr Freiheit für kluge Köpfe

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%