Ordnungspolitik im Handelsblatt
Nur robuste Systeme überleben

Aus den Naturwissenschaften könnten unsere Politiker viel für ihre Sozialreformen lernen. Zum Beispiel über die Gefahren der Komplexität.

Die hundsgemeinen Darmbakterien vom Typus Escherichia coli gehören in der Regel nicht gerade zu den Dingen, mit denen sich Politiker beschäftigen. Dabei können wir selbst von den Prokaryoten, einfachen Zellen ohne Kern, viel für unsere Sozialsysteme lernen. Diese Schlussfolgerung kann man zumindest aus einem interessanten Aufsatz von Professor Ernst Dieter Gilles in der jüngsten Ausgabe des "Akademie-Journals" ziehen. Der Mitarbeiter des Max- Planck-Instituts für Dynamik komplexer technischer Systeme untersucht darin die Frage, wie sich natürliche Organismen an veränderte Bedingungen anpassen und mit inneren Störungen fertig werden.

Die biologischen Prozesse in den Zellen ähneln dabei auf verblüffende Weise den Anforderungen, die wir heute auch an komplizierte technische Lösungen wie das Internet stellen. In der Natur wie in der Technik überleben nach den Untersuchungen von Gilles auf Dauer nur "robuste Systeme", die auch beim Ausfall einzelner Komponenten weiter funktionieren.

In der Natur wie in der Technik weisen "robuste Systeme" mindestens drei gemeinsame Merkmale auf, analysiert der Wissenschaftler: Modularisierung, hierarchische Regelungsstrukturen sowie Diversität. Man kann sich diese drei Komponenten am Beispiel des Internets klar machen: Das Netz verbindet selbstständige Server unterschiedlichster Bauart, die jedoch nach festen Regeln miteinander kommunizieren. Eine Nachricht kann ihren Empfänger auf vielen Wegen erreichen. Das Gesamtsystem funktioniert höchst stabil, auch wenn einzelne Komponenten ausfallen. Ein Internet, das mit wenigen einheitlichen Großrechnern betrieben würde, wäre genauso wenig überlebensfähig wie ein Netz ohne klare hierarchische Regeln für die Vergabe von Domainnamen.

Seit Norbert Wiener vor vielen Jahrzehnten die Kybernetik begründete, wird in der Wissenschaft viel über "robuste Systeme" diskutiert. Im Prinzip sind die skizzierten Überlegungen also gar nichts Neues. Umso erstaunlicher bleibt jedoch die Tatsache, dass die Erkenntnisse der Systemtheorie bisher in der deutschen Debatte über Sozial- und Wirtschaftsreformen so gut wie gar keine Rolle spielen. Viele politische Lösungen widersprechen den Anforderungen an "robuste Systeme" sogar diametral.

Aus Sicht der Systemtheorie wäre es beispielsweise viel besser, wenn die Kommunen Hartz IV in eigener Regie umsetzen könnten und nicht die Bundesagentur für Arbeit. Die Kommunen würden dann miteinander schon aus Eigeninteresse um die einfachsten, schnellsten und kostengünstigsten Lösungen wetteifern. Best-Practice-Beispiele würden sich durchsetzen, weil selbstlernende Netzstrukturen schnelleres Feedback ermöglichen als mehrstufige Zentralorganisationen. Zugleich wäre die Gefahr eines "Systemausfalls" gebannt, die jetzt beispielsweise durch die Entwicklung einer zentralen Software für die Auszahlung der neuen Arbeitslosenhilfe II entsteht.

Oder nehmen wir ein völlig anderes Beispiel: Unsere deutsche Bildungspolitik widerspricht allen Schlüsselerkenntnissen der Systemtheorie. Zu einem robusten System würden auch hier Modularität (also weitgehend autonome Schulen und Universitäten), Diversität (also ein Wettbewerb unterschiedlicher Lehrmethoden und Lerninhalte) sowie eine klare Regelungsstruktur (wer legt welche Bildungsziele fest) gehören. Stattdessen sind unsere Schulsysteme dort zentralistisch und gleichmacherisch, wo Wettbewerb und Vielfalt bessere Resultate bringen würden (beispielsweise bei den Schulformen); und zu wenig hierarchisch organisiert, wo Zentralismus gefordert wäre (mühsame Abstimmung von Bildungszielen in der Kultusministerkonferenz).

Natürlich sollte man systemtheoretische Überlegungen nicht zu einer Alchemie der Politik hochstilisieren, die für alle beliebigen Probleme Wunderlösungen liefert. Hier geht es lediglich um die Gefahren eines ordnungspolitischen Defizits: Jedes neue Reformprojekt müsste auch danach beurteilt werden, ob es "robuste", also fehlertolerante und damit überlebensfähige, Systeme schafft.

In der Gesundheitspolitik beispielsweise drehen alle Beteiligten gegenwärtig an derartig vielen Stellschräubchen eines hoch komplexen zentralisierten Gesamtsystems, dass eine einigermaßen treffsichere Prognose über die Wirkung verschiedener Maßnahmen unmöglich wird. Unser Gesundheitssystem steckt tief in der Komplexitätsfalle: Eine schnelle Lösung seiner Probleme wird schon deshalb unmöglich, weil niemand mehr den gesamten Wirkungsmechanismus einigermaßen vollständig überblicken kann. Eine weitere Zentralisierung eines überkomplexen Systems führt zwangsläufig zu einer erhöhten Gefahr von Fehlentwicklungen. Aus systemtheoretischer Sicht muss man schon deshalb gegen das rot-grüne Projekt einer Zwangslösung für die gesamte Bevölkerung (vulgo Bürgerversicherung) polemisieren, weil sie die große Fehlertoleranz eines Systems miteinander konkurrierender Kassen aufhebt. Das neue System wäre theoretisch auf jeden Fall noch weniger "robust" als unser heutiges.

Gute Sozialsysteme müssen die Folgen externer Schocks und interner Fehlanreize mitdenken und ausgleichen. Wer beide Faktoren von vorneherein ausschließen will, führt die Sozialpolitik nur noch tiefer in die "Komplexitätsfalle". Vernünftige Sozialsysteme müssen aus systemtheoretischer Sicht das Kriterium einer lernenden Organisation erfüllen. Nur Wettbewerb (auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite) sorgt für schnelle Informationsrückkopplung. Systeme, die externe Signale zu langsam verarbeiten, sterben. Auch das kann man bei einem Einzeller studieren: Das kleine Bakterium Escherichia coli verfügt über 50 bis 70 Sensoren, die seine Entwicklung steuern.

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