Ordnungspolitik im Handelsblatt
Ökonomie des Misstrauens

Als Adelbert Delbrück am 22. Januar 1870 gemeinsam mit anderen Kaufleuten in Berlin die Deutsche Bank gründete, kam das Gründungsstatut des neuen Kreditinstituts noch mit wenigen prägnanten Zeilen aus. "Der Zweck der Gesellschaft ist der Betrieb von Bankgeschäften aller Art", hieß es in der Stammurkunde des späteren Weltkonzerns. Viele Details regelten Delbrück und andere Privatbankiers damals noch mit einem einfachen Händedruck. Man konnte einem ehrlichen Kaufmannswort noch vertrauen.

Heute leben wir in einer Ökonomie des Misstrauens, in der Verträge über einfache Geschäftstransaktionen mit Leichtigkeit auf das Volumen der "Buddenbrooks" anschwellen. Wer sich in den letzten Wochen beispielsweise den Verkaufsprospekt für den Börsengang von Wincor Nixdorf im Internet heruntergeladen hatte, musste nicht weniger als 287 DIN-A4-Seiten ausdrucken. Und durfte sich unter anderem über Plattitüden wie die folgende belehren lassen: "In Anbetracht der Risiken, Ungewissheiten und Annahmen können die in diesem Prospekt in Bezug genommenen zukünftigen Ereignisse auch nicht eintreten."

Die Entwicklung zwischen 1870 und heute kann man, wie es Juristen gern tun, als Siegeszug einer fortschreitenden Verrechtlichung aller wirtschaftlichen Prozesse beschreiben. Ökonomisch betrachtet führt die allumfassende Regelung des Geschäftslebens durch Verträge und juristische Normen jedoch zu steigenden Transaktionskosten, wie sich vor allem in den Vereinigten Staaten, aber zunehmend auch in Deutschland beobachten lässt. Rechtsanwälte, Gerichtskosten, Versicherungen gegen rechtliche Irrtümer sind längst zu einem signifikanten Posten in der Gewinn- und Verlustrechnung geworden.

"Vertrauen" galt in früheren Zeiten als wichtigstes immaterielles Kapital eines Unternehmens. Die Geschäftsbeziehungen zwischen Handelshäusern, Korrespondenzbanken und Konzernen waren weithin gleichzusetzen mit persönlichen Vertrauensverhältnissen zwischen ihren Besitzer-Unternehmern. "Der Kaufmann hat auf der ganzen Welt die gleiche Religion", bemerkte Heinrich Heine bissig. Aber in Wahrheit fand das Profitstreben des Unternehmers immer seine Schranke im "gegenseitigen Vorteil", der durch das "Ehrenwort" des Kaufmanns besiegelt wurde. Der berühmte Soziologe Georg Simmel bezeichnete die "höchst rigorose Kaufmannsehre" in seinem 1908 erschienenen Hauptwerk als eine "eigenartige Garantieform für das richtige Verhalten" im Geschäftsleben. Die moderne Gesellschaft erzwingt richtiges Verhalten dagegen zunehmend durch Gesetze, Vertragsregeln und Kontrollen.

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